Erholung ohne Dynamik

Anton Brender, Leiter Economic Research und Florence Pisani, Volkswirtin bei Dexia AM.
Anton Brender, Leiter Economic Research und Florence Pisani, Volkswirtin bei Dexia AM.

Fünf Jahre nach dem Beginn der Wirtschafts- und Finanzkrise im Herbst 2008 beträgt das Wachstum in den USA weiterhin knapp 2%, während es im Euroraum erstmals wieder zugelegt hat. Zweifellos gibt es Fortschritte, aber werden beide Volkswirtschaften deshalb zu einem nachhaltig höheren Wachstum zurückkehren? Und können sie dann auch die Emerging-Market-Länder mitziehen? Anton Brender und Florence Pisani vom Economic Research von Dexia Asset Management (AM) sind trotz aller Herausforderungen insgesamt positiv gestimmt.

05.12.2013, 18:00 Uhr

Redaktion: dab

Seit dem Aufschwung 2010 ist das Wirtschaftswachstum in den Emerging-Market-Ländern kontinuierlich zurückgegangen. Heute ist es deutlich niedriger als vor der Krise. Das geringere Wachstum ist gewissermassen eine natürliche Entwicklung, und es ist dauerhaft! Dies gilt insbesondere für China, wo die Produktivität mit der zunehmenden wirtschaftlichen Entwicklung zwangsläufig weniger stark zulegt. Der Wachstumsrückgang hat aber auch etwas mit den abnehmenden Leistungsbilanzdefiziten der Industrieländer zu tun, einer Folge des Schuldenabbaus. Da die Sparpolitik die Nachfrage dämpft, schwächt sie das Wachstum in den Schwellenländern. „Der Abschwung hat an Dynamik gewonnen, seit der Euroraum zu einem Nettoexporteur geworden ist. Mitte der 2000er Jahre war die Leistungsbilanz des Euroraums weitgehend ausgeglichen, doch jetzt liegt sie mit 250 Milliarden US-Dollar im Plus“, meint Anton Brender, Leiter Economic Research von Dexia AM. Heute stehen dem Überschuss des Euroraums Leistungsbilanzdefizite vieler grosser Schwellenländer (wie Brasilien, Indien, der Türkei, Indonesien und Südafrika) gegenüber, die sie anfälliger für Veränderungen des internationalen Finanzumfelds gemacht haben. Aufgrund der Entwicklung in den USA und dem Rezessionsende im Euroraum dürfte sich das Wachstum in den Emerging-Market-Ländern 2014 aber dennoch leicht beschleunigen.

USA: Weniger restriktive Fiskalpolitik, mehr Wachstum

In den USA zeigen die Konjunkturindikatoren noch immer nach oben. Die jüngste Dollar-Aufwertung dürfte einer Erholung der Exporte nicht entgegenstehen, auch wenn die Nettoexporte keinen Beitrag zum Wachstum leisten. Anton Brender: „Trotz des Anstiegs der Hypothekarzinsen seit dem Frühjahr dürfte sich der Wohnimmobilienmarkt weiter erholen. Die anhaltenden Fortschritte am Arbeitsmarkt und das wachsende Haushaltsvermögen dürften auch den Konsum in den nächsten Quartalen voranbringen.“ Nach den Steuererhöhungen in diesem Jahr dürfte die Belastung im neuen Jahr weitgehend unverändert bleiben. Zwar sorgen die ungelösten Haushaltsfragen, die noch nicht abgeschlossenen Budgetverhandlungen und das Problem der Schuldenobergrenze 2014 ebenso weiter für Unsicherheit wie die noch ungelösten strukturellen Fragen, etwa die Finanzierung der Gesundheitsprogramme. Dennoch dürfte die Fiskalpolitik das Wachstum im kommenden Jahr nur geringfügig dämpfen.

Vor diesem Hintergrund werden die Unternehmensinvestitionen nach einer Schwächephase im 3.Quartal vermutlich wieder zulegen. 2014 rechnen wir sogar mit einem Anstieg um mehr als 2,5%. „Natürlich wird die Fed schon bald beginnen, ihre Anleihekäufe zurückzuführen. Sie wird aber alles in ihrer Macht stehende tun, um einen deutlichen Zinsanstieg zu verhindern, und eine wachstumsfreundliche Geldpolitik beizubehalten“, meint Anton Brender.

Euroraum: Ein Silberstreif, aber der Ausblick bleibt unklar

Fünf Jahre nach dem Beginn der Krise ist es im Euroraum gelungen, die Leistungsbilanzungleichgewichte zu verringern. Dies hatte dramatische Auswirkungen auf die Konjunktur, auch wenn die Privathaushalte ihre Ausgaben nicht verringerten und sich die aussenwirtschaftliche Situation nicht geändert hat. Trotz des anhaltenden Wachstums in den USA fiel der Euroraum 2011 in die Rezession. „Nur mit den entschlossenen Massnahmen der Europäischen Zentralbank (EZB) im Sommer 2012 ist es gelungen, die Spannungen an den Staatsanleihemärkten zu verringern und einen Zusammenbruch der Währungsunion zu vermeiden – zumal gleichzeitig die Regierungen ihre Austeritätspolitik etwas gelockert haben“, sagt Florence Pisani, Volkswirtin bei Dexia AM.

Das BIP ist daher nicht weiter zurückgegangen, und die Konjunkturindikatoren haben sich erholt, insbesondere in den Peripherieländern. Zum Teil erklärt sich dies mit steigenden Exporten, die auch in Zukunft die Konjunktur stützen dürften. Florence Pisani: „Aber auch das Verbrauchervertrauen beginnt sich zu erholen, und der Konsum geht nicht weiter zurück.

Da sich auch die Arbeitsmarktlage etwas verbessert, dürfte der Konsum 2014 sogar leicht zulegen.“ Die Unternehmensinvestitionen werden sich voraussichtlich stabilisieren, doch spricht wenig für eine stärkere Erholung. Noch ist die Kapazitätsauslastung niedrig, und die Nachfrage der Unternehmen ist noch immer schwach. Wir rechnen daher im neuen Jahr mit einem Anstieg des Wachstums auf lediglich 1%.

„Trotz dieses Silberstreifs ist der Euroraum noch immer mit grossen Herausforderungen konfrontiert“, meint Florence Pisani. Erst nach dem Jahreswechsel werden wir die Ergebnisse der Bankenstresstests der EZB kennen. Zu den geringen Investitionen in den letzten Jahren kommt die Alterung der Bevölkerung, die ebenfalls nicht ohne Folgen für das Wachstumspotenzial des Euroraums bleibt. Um die Schuldenstandsquoten in Schach zu halten, müssen die Staatsausgaben noch viele Jahre lang nachhaltig verringert werden. Schliesslich bleibt auch die politische Unsicherheit bestehen; bei den Wahlen 2014 könnten Europagegner besorgniserregende Gewinne erzielen. „Die EZB wird aber weiter mutig handeln und alles tun, um den Euro zu erhalten“, so Florence Pisani abschliessend.

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