Pensioniert und doch berufstätig wird salonfähig

Am häufigsten arbeiten Freiberufler wie etwa Architekten über das ordentliche Rentenalter hinaus. (Bild: Shutterstock.com/Robert Kneschke)
Am häufigsten arbeiten Freiberufler wie etwa Architekten über das ordentliche Rentenalter hinaus. (Bild: Shutterstock.com/Robert Kneschke)

Eine neue Swiss Life-Studie zeigt, dass bis zu einem Drittel der Schweizer Bevölkerung bereits heute über das ordentliche Rentenalter erwerbstätig bleibt. Auch die grundsätzliche Bereitschaft, länger zu arbeiten, ist bei 55- bis 70-Jährigen weit verbreitet.

28.04.2021, 16:13 Uhr

Redaktion: rem

Pensioniert und doch berufstätig: Fast die Hälfte der über 55-Jährigen kann sich vorstellen, auch im Rentenalter zu arbeiten. Die neuste Studie "Länger leben – länger arbeiten?" von Swiss Life zeigt, dass die Pensionierung zwei Dimensionen hat, welche nicht immer zusammenfallen: der Arbeitsmarktaustritt und der Altersleistungsbezug. Der erste Altersleistungsbezug findet häufig früher statt als der endgültige Austritt aus dem Erwerbsleben, wie die Studie feststellt. Letzterer geschieht selten zum Zeitpunkt des gesetzlichen Pensionierungsalters von 64 (Frauen) beziehungsweise 65 Jahren (Männer).

Einerseits ist rund die Hälfte der Bevölkerung bereits im Jahr vor dem ordentlichen Rentenalter nicht mehr erwerbstätig. Andererseits ist noch jeder dritte Mann mit 65 und jede vierte Frau mit 64 beruflich aktiv, wenn auch mehrheitlich in Teilzeit. "Oft findet der Altersrücktritt in mehrfacher Hinsicht gestaffelt statt", hält Studienautor Andreas Christen fest. "So beziehen nahezu alle Erwerbstätigen ab dem ordentlichen Rentenalter eine Altersleistung. Und schätzungsweise ein Drittel bis zur Hälfte der Personen reduzieren ihr Pensum, bevor sie ihre Erwerbstätigkeit ganz aufgeben."

Berufstätig aus Freude an der Arbeit

Der Zeitpunkt des Altersrücktritts werde häufig selbstbestimmt und den individuellen Präferenzen entsprechend gewählt, wie verschiedene Indikatoren zeigten, so Christen. Nur eine Minderheit von 7% der 64/65- bis 75-jährigen Bevölkerung bezeichnet sich als eher unfreiwillig frühpensioniert. Mit 25% bezeichnen sich hingegen deutlich mehr aus dieser Altersgruppe als "eher freiwillig" frühpensioniert.

Ein hohes Mass an Selbstbestimmung scheint besonders bei jenen zu herrschen, die den endgültigen Ruhestand aufschieben: Zwei Drittel der Erwerbstätigen im Rentenalter arbeiten, weil sie dies gerne tun. Lediglich ein Viertel bleibt aus finanziellen Gründen berufstätig. Zudem würden 63% der von Swiss Life befragten Pensionierten rückblickend wieder den gleichen Pensionierungszeitpunkt wählen.

Unter bestimmten Bedingungen länger arbeiten

Wenn Erwerbstätige über 55 Jahre frei von finanziellen und anderen Sachzwängen wählen könnten, würde zwar nur eine Minderheit im ursprünglichen Pensum bis zum oder über das ordentliche Rentenalter hinaus arbeiten. "Allerdings wären mit 49% fast die Hälfte der Befragten 55- bis 70-jährigen Erwerbstätigen und Pensionierten unter gewissen Bedingungen grundsätzlich bereit (gewesen), nach 64/65 weiterzuarbeiten oder tat dies bereits", sagt Studienautor Christen.

Nur 29% gaben an, dass eine längere Erwerbstätigkeit für sie auf gar keinen Fall in Frage käme bzw. gekommen wäre. Die häufigsten genannten Bedingungen für eine Weiterarbeit über das Rentenalter hinaus sind neben einer guten Gesundheit (67%) eine hohe Wertschätzung im Arbeitsumfeld beziehungsweise ein gutes Betriebsklima (61%). Finanzielle Bedingungen wie eine höhere Rente, mehr Lohn oder tiefere Steuern wurden immerhin von 43% der Befragten genannt.

Akademiker bleiben eher erwerbstätig

In absoluten Zahlen waren laut der Studie in der Schweiz 2019 rund 190'000 Personen ab dem ordentlichen Rentenalter erwerbstätig, was einer Zunahme um rund drei Viertel gegenüber der Jahrtausendwende entspricht. Zwischen den Bevölkerungsgruppen und insbesondere zwischen Berufen gibt es erhebliche Unterschiede: Am häufigsten – schätzungsweise durchschnittlich in mehr als jedem zweiten Fall – arbeiten Selbstständige, Landwirte, Freiberufler wie Architekten und Ärztinnen sowie Geschäftsführer/innen über das ordentliche Rentenalter hinaus. Vergleichsweise selten tun dies allgemeine Bürokräfte sowie Personen in Handwerksberufen, Verkaufskräfte in Handelsgeschäften sowie Pflege- und Betreuungspersonen im Gesundheitswesen.

"Auch wenn Personen in akademisch geprägten Berufen es sich eher vorstellen können, nach 64/65 erwerbstätig zu bleiben und dies auch häufiger tun als z.B. Handwerker, wäre es zu einfach, von einem 'Büezer- Akademiker-Graben' zu sprechen. Unsere Auswertungen zeigen, dass auch in handwerklich geprägten Berufen viele aus Freude an der Arbeit länger erwerbstätig bleiben und ihre Zahl in den letzten zwei Dekaden stark zugenommen hat – wenn auch auf tieferem Niveau", sagt Christen.

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