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Adani Aktien im freien Fall

Gautam Adani versucht das Vertrauen der Finanzmärkte zurückzugewinnen, bisher vergeblich. (Bild Shutterstock/GMeier)
Gautam Adani versucht das Vertrauen der Finanzmärkte zurückzugewinnen, bisher vergeblich. (Bild Shutterstock/GMeier)

Die abgesagte Aktienplatzierung führt beim indischen Adani Konzern zu einem weiteren Kursdebakel. Nun fürchten einige Marktteilnehmer Auswirkungen auf das indische Finanzsystem.

03.02.2023, 09:46 Uhr

Redaktion: sw

Die Aktien des Flaggschiff-Unternehmens des Konglomerats, Adani Enterprises, brachen nach der Absage um rund 30% ein. Auch die Titel der anderen Firmen der Gruppe, die Häfen über Bergbau bis hin zu Zement umfassen, büssten zwischen fünf und zehn Prozent ein. «Die Verkäufe könnten sich im Laufe des Nachmittags verstärken, wie wir es schon einmal erlebt haben», sagte Avinash Gorakshakar, Experte bei Profitmart Securities in Mumbai gegenüber Reuters. «Wenn Adani nicht in der Lage ist, das Vertrauen der institutionellen Anleger zurückzugewinnen, werden sich die Aktien im freien Fall befinden.»

Der durch die Attacke des US-Leerverkäufers Hindenburg ausgelöste Aktien-Crash beim indischen Mischkonzern Adani hat so die Marke von 100 Milliarden Dollar Wertverlust überschritten. Im indischen Parlament riefen Abgeordnete Anti-Adani-Slogans, die Sitzung wurde ausgesetzt.

Video hilft nichts

Unterdessen bemüht sich Gautam Adani offenbar, das Vertrauen der Finanzmärkte zurückzugewinnen: Insidern zufolge haben zwei Firmen des Konglomerats die Coupon-Zahlungen für Dollar-Unternehmensanleihen pünktlich überwiesen. Reuters-Berechnungen zufolge waren am Donnerstag Zinszahlungen in Höhe von insgesamt 24 Millionen Dollar für drei Anleihen der Konzerntöchter Adani Ports und Special Economic Zone Limited fällig.

Mehrere Anleihen des Unternehmens gelten inzwischen als notleidend. Die Renditen stiegen zum Teil auf mehr als 30 Prozent. Marktbeobachter fürchten, dass es zu einer Abwärtsspirale kommen könnte, die Adani am Ende von neuen Geldquellen abschneidet.

In einer aufgezeichneten Videobotschaft gab sich der 60-jährige Multimilliardär, der noch vor Kurzem durch seine Firmenbeteiligung der drittreichste Mann der Welt war, kämpferisch: «Die Fundamentaldaten unseres Unternehmens sind stark, unsere Bilanz ist gesund», sagte Adani. Seinen Investoren versprach er: «Wir werden uns weiterhin darauf konzentrieren, langfristige Werte zu schaffen.»

Eigentlich wollte Adani in dieser Woche neue Aktien ausgeben und damit rund zweieinhalb Milliarden US-Dollar einsammeln. Doch wenige Stunden bevor der Konzern die Videobotschaft des Gründers veröffentlichte, zog dieser die geplante Platzierung zurück.

Das Adani-Imperium wirkt wie eine Blase, die der Hindenburg-Report zum Platzen gebracht hat. Der Vertrauensverlust bei Anlegern und Banken ist massiv, der Börsenwert des Unternehmens sank inzwischen um 107 Milliarden Dollar, dadurch verringerte sich auch das Privatvermögen von Gautam Adani um 60 Milliarden Dollar. Der Wertverlust der Adani-Gruppe innerhalb einer Woche entspricht damit der jährlichen Wirtschaftsleistung von Ländern wie der Slowakei, Kenias oder Kubas.

Mehrere Banken gehen inzwischen auf Distanz zu dem Konzern und weigern sich, bestimmte Adani-Wertpapiere als Sicherheiten für Wertpapierkredite zu akzeptieren. Die indische Zentralbank forderte die Finanzunternehmen auf offenzulegen, welche Risiken sie bei den Adani-Firmen bereits eingegangen sind.

Riesige Summen

Dabei stehen Milliardensummen auf dem Spiel: Der staatliche Versicherungskonzern LIC hat nach eigenen Angaben 4,5 Milliarden Dollar in Adani-Firmen investiert. Die ebenfalls staatliche State Bank of India, das grösste Kreditinstitut des Landes, hat der Adani-Gruppe Medienberichten zufolge 2,6 Milliarden Dollar geliehen.

Die US-Investorengruppe Hindenburg Research hatte Adani in der vergangenen Woche in einem Bericht weitreichenden Betrug vorgeworfen: Der Konzern habe mithilfe eines Netzes aus Briefkastenfirmen den Aktienkurs seiner Unternehmen manipuliert und die Finanzdaten des Konglomerats geschönt. Hindenburg, das mit Finanzwetten gegen angeschlagene Firmen Geld verdient, sprach von einem über Jahrzehnte andauernden Bilanzbetrug.

Die Adani-Gruppe wies die Vorwürfe zurück. In einer Stellungnahme bezeichnete das Konglomerat den Hindenburg-Report als «kalkulierte Attacke auf die Wachstumsgeschichte und die Ambitionen Indiens». Tatsächlich ist der Adani-Konzern eng mit Indiens wirtschaftlichem Aufstieg der vergangenen Jahre verbunden. Entsprechend gross ist der Schock über den abrupten Fall des langjährigen Star-Unternehmers in Asiens drittgrösster Volkswirtschaft.

Enge Verbündete

Die indische Wirtschaft ist inzwischen abhängig von den Adani-Unternehmen, weil sie wichtige Teile der Infrastruktur des Landes betreiben. Der Konzern ist Indiens grösster Hafenbetreiber, verwaltet mehrere der wichtigsten Flughäfen und eines der grössten privaten Stromnetze des Landes. Zudem ist Adani einer der führenden Kohleproduzenten und will mit Milliardeninvestitionen auch eine Schlüsselrolle bei erneuerbaren Energien und der Produktion von grünem Wasserstoff übernehmen.

Bei der Vielzahl seiner Projekte orientierte sich Gautam Adani an den Entwicklungsplänen der Regierung von Premierminister Narendra Modi, der wie er aus dem Bundesstaat Gujarat stammt. Der einflussreiche Unternehmer und der mächtige Politiker gelten als enge Verbündete.

Adani hat zwar stets bestritten, aus seinem guten Verhältnis mit Modi geschäftliche Vorteile zu ziehen. Sein schneller Aufstieg zu Indiens bis vor Kurzem reichstem Unternehmer verlief jedoch parallel zu Modis Regierungszeit. Als der hindunationalistische Politiker 2014 sein Amt antrat, lag Adanis Vermögen laut dem Magazin «Forbes» noch bei 2,8 Milliarden Dollar. Unter der Modi-Regierung konnte er es zwischenzeitlich auf rund 125 Milliarden Dollar steigern. Der indische Infrastruktur- und Rohstoffunternehmer war damit reicher als Amazon-Gründer Jeff Bezos und Investmentlegende Warren Buffett.

Für Modi könnte die Adani-Krise im Jahr vor der nächsten Parlamentswahl zu einem unangenehmen Wahlkampfthema werden. Die Opposition beklagt, dass die hart verdienten Ersparnisse von Millionen Indern auf dem Spiel stünden.

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