"Viele Anleger verwechseln einen hohen Preis mit einer hohen Bewertung"

Die Einführung von Fractional Shares demokratisiere den Aktienmarkt, sagt Charles-Henry Monchau von FlowBank. (Bild: zVg)
Die Einführung von Fractional Shares demokratisiere den Aktienmarkt, sagt Charles-Henry Monchau von FlowBank. (Bild: zVg)

FlowBank bietet als erste Bank in der Schweiz Aktienbruchteile an. Der CIO Charles-Henry Monchau erklärt im Interview, wie Fractional Shares in den Portfoliokontext eingebettet werden können und was die Vorteile sind.

09.03.2021, 14:59 Uhr

Redaktion: pem

Herr Monchau, FlowBank bietet Aktienbruchteile, besser bekannt als Fractional Shares an. Um was genau handelt es sich dabei?
Charles-Henry Monchau:
Damit auch kleine Geldbeträge in Aktien investiert werden können, erlauben einige Online-Broker und inzwischen auch Banken wie FlowBank den Kauf eines Teils einer Aktie. Schauen wir das anhand eines Beispiels an. Eine Aktie von Amazon kostet rund 3’000 US-Dollar. Anstatt die gesamte Aktie zu kaufen, kann ein Investor nur 30 US-Dollar in den Titel investieren und dadurch einen Hundertstel einer Amazon-Aktie besitzen. Bei dividendenberechtigten Aktien erfolgt die Zuteilung der Dividende im Verhältnis zur Anzahl der gehaltenen Aktien. Wenn Amazon eine 10-Dollar-Dividende zahlt und Sie einen Hundertstel einer Aktie besitzen, erhalten Sie also eine Dividende von 10 Cents.

Wie ist es möglich, dass Bruchteile einer Aktie angeboten werden können?

Aktienbruchteile können auf verschiedene Weise entstehen, wie etwa durch Dividenden-Wiederanlagepläne. Wenn ein Unternehmen die Dividende in Aktien statt in bar ausschüttet, ist das nicht immer mit ganzen Aktien möglich. Das führt oft dazu, dass Bruchteile von Aktien auf dem Konto gehalten werden. Aktiensplits sind eine andere Form, wie Aktienbruchteile entstehen können. Wenn der Preis einer Aktie ein hohes Niveau erreicht, können Unternehmen beschliessen, den Stückpreis zu senken, indem sie zusätzliche Aktien ausgeben. Unter Anwendung eines bestimmten Splitverhältnisses teilen Unternehmen ihre einzelnen Aktien in kleinere Einheiten auf. Dies führt jedoch nicht immer zu einer geraden Anzahl von Anteilen. Wenn wir das Beispiel eines 3-für-2-Splits nehmen, würden für je zwei Aktien, die ein Investor hält, drei Aktien geschaffen werden. Eine Anlegerin, die eine ungerade Anzahl von Aktien besitzt, wird daher am Ende einen Bruchteil einer Aktie im Portfolio haben. Mit diesem Vorgehen will das Unternehmen Privatanlegerinnen und -anleger anziehen, die Liquidität verbessern und eine psychologische Barriere beseitigen...

...psychologische Barriere?

Viele Anlegerinnen und Anleger verwechseln einen hohen Preis mit einer hohen Bewertung.

Gibt es weitere Arten, wie Aktienbruchteile entstehen können?

Durch Fusionen und Übernahmen. Wenn zwei Unternehmen fusionieren, wird die neue Stammaktie, die als Ersatz für die beiden Einzelaktien geschaffen wird, in einem vorher festgelegten Verhältnis kombiniert. Dies kann ebenfalls zur Bildung von Aktienbruchteilen führen. Dann gibt es noch die vorsätzlichen Aktiensplits von Online-Brokern und Banken. Das Ziel ist eigentlich das gleiche wie bei Aktiensplits, nämlich die Verbesserung der Liquidität und der bessere Zugang zu "schweren" Aktien für Kunden mit begrenzten finanziellen Mitteln.

Was sind denn die Vorteile von Aktienbruchteilen für die Anlegerinnen und Anleger?

Will ein Privatanleger ein Aktienportfolio mit einem begrenzten Budget von beispielsweise 1'000 Franken aufbauen, dann sprengt bereits eine einzige Aktie von Unternehmen wie Alphabet, Amazon oder Berkshire Hathaway das Budget. A-Aktien von Berkshire kosten sogar rund 370'000 US-Dollar. Eine Diversifizierung des Portfolios scheint so unmöglich. Dank Aktienbruchteilen ist es nun möglich, auch mit einem kleinen Budget ein Portfolio breit zu diversifizieren. Derselbe Mechanismus wird bald auch auf bestimmte Exchange Traded Funds sowie auf Anleihen angewendet werden. Schliesslich ermöglichen Aktienbruchteile eine erhebliche Vereinfachung des Anlageerlebnisses. Es ist nicht mehr notwendig, die Anzahl der zu kaufenden Aktien entsprechend dem zu investierenden Betrag zu berechnen. Die Investorin kann einfach den Betrag, den sie in Aktien anlegen möchte, eingeben; die Abwicklung übernimmt der Finanzdienstleister. Jede und jeder kann nun mit ein paar Klicks aus den Lieblingstiteln ein Aktienportfolio zusammenstellen. In gewisser Weise handelt es sich dabei um eine Demokratisierung des Aktienmarktes.

Das klingt fantastisch. Gibt es auch Nachteile?

Aktienbruchteile werden nicht an traditionellen Börsen gekauft und verkauft. Die einzige Möglichkeit, sie zu handeln, ist über einen Broker oder eine Bank wie FlowBank. Diese Finanzdienstleister stellen die Fractional Shares zusammen und verkaufen sie an einer Börse, sobald die Bruchteile eine volle Aktie bilden. Dieser Prozess kann manchmal langwierig sein, etwa wenn die Aktie am Markt nicht sehr gefragt ist. Zudem gilt es zu beachten, dass Aktienbruchteile nicht stimmberechtigt sind.

Und wie steht es mit den Kosten?

Bei sehr kleinen Transaktionsgrössen fallen relativ hohe Gebühren an. Und Aktienbruchteile können nicht immer auf andere Broker und Banken übertragen werden. Inhaber von Aktienbruchteilen müssen diese in der Regel gegen Bargeld weiterverkaufen. Das ist zwar kein technisches Problem, es kann aber zu zusätzlichen Gebühren und Steuern führen.

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