Wieviel Emotionalität steckt im Homo Oeconomicus?

Rein rationales Anlegen ohne den Einfluss von Emotionen ist in der Praxis nicht möglich. (Bild: Shutterstock.ch/Dragon Images)
Rein rationales Anlegen ohne den Einfluss von Emotionen ist in der Praxis nicht möglich. (Bild: Shutterstock.ch/Dragon Images)

Intellekt, Aufmerksamkeit, Konzentrationsfähigkeit, persönliche Erfahrungen – diese und viele weitere individuelle Eigenschaften prägen jeden einzelnen Menschen. Das widerspricht der Vorstellung vom rationalen, ausschliesslich "wirtschaftlich” denkenden und nutzenmaximierenden Menschen, dem sogenannten "Homo Oeconomicus".

08.11.2019, 05:00 Uhr

Redaktion: lek

Degroof Petercam Asset Management (DPAM) gilt als Vorreiter des Investierens nach den Erkenntnissen der Verhaltensökonomie und schreibt im jüngsten Bericht "Behavioral Finance Akademie" über die Rolle, die Emotionen beim Anlegen spielen. Menschen unterscheiden sich unter anderem durch die Grösse, das Aussehen und beim Thema Emotionalität. Emotionen sind tief verwurzelt in der Psyche des Menschen. Ernüchterung und Frust, aber auch Freude und sogar Euphorie können mitunter nah beieinander liegen. Keiner reagiert gleich wie der Andere. Das gilt auch für rationales Handeln, das unter den Aspekten der Vernunft und Abwägung von Vor- und Nachteilen bzw. Chancen und Risiken zu vermeintlich wohl überlegten Entscheidungen führt.

Geld zu verdienen ist der ganz natürliche Wunsch eines jeden Anlegers. Dieses Ziel erfolgreich in die Tat umzusetzen, misslingt jedoch häufig, gerade im aktuellen Tiefzinsumfeld. Hier kommen denn auch schnell die Emotionen zum Einsatz, so mancher ist verärgert über das niedrige Zinsniveau. Schaut er sich am Kapitalmarkt um, findet er dennoch renditeträchtigere Alternativen zu Staatsanleihen und Sparkonten. Wie zum Beispiel die Aktie. Doch muss sich jeder Anleger, der zu Aktien greift, auch die Frage stellen, inwieweit diese Anlageform überhaupt bzw. zu welchem Anteil seines Gesamtportfolios zu seinen Anlagezielen und Risikoneigungen passt.

Lückenlose Infromationen nur in der Theorie möglich

Lange Zeit haben die Wirtschaftswissenschaften das Bild eines rationalen, ausschliesslich "wirtschaftlich” denkenden und nutzenmaximierenden Verbrauchers bzw. Anlegers gezeichnet - der sogenannte Homo Oeconomicus. Dieser konnte quasi gar keine emotional behafteten Fehler machen, denn das Hauptmerkmal des Homo Oeconomicus ist seine Fähigkeit zu uneingeschränktem rationalem Verhalten. Möglich wird dies in der Theorie durch lückenlose Informationen über sämtliche Entscheidungsalternativen und deren Konsequenzen.

Die Analysen der klassischen Wirtschaftstheorie, die auf den Schotten Adam Smith zu Beginn des 17. Jahrhunderts zurückgeht, setzten demnach eine vollkommene Markttransparenz voraus und einen Menschen als perfekten, kalten und emotionslosen Rechenautomaten.
Dieses Modell erschien zwar schon damals so manchem unrealistisch, schreibt DPAM, dennoch hat dieses vereinfachte Menschenbild bis in die Neuzeit der Wissenschaft enorme Fortschritte bei der Ausarbeitung ökonomischer Theorien ermöglicht.

Aus Homo Oeconomicus wird Homo emotionalis

Weiter revolutioniert wurde die Betrachtungsweise durch moderne Forschungsansätze. Sie stellen einen Menschen in den Mittelpunkt, wie er tatsächlich ist, und nicht, wie er theoretisch sein sollte. Dazu zählen die Arbeiten des US-amerikanischen Wissenschaftlers Richard Thaler, für die er 2017 den Wirtschaftsnobelpreis erhielt. Er hat gezeigt, dass unter anderem begrenzte Rationalität, soziale Präferenzen und ein Mangel an Selbstbeherrschung systematisch Entscheidungen und Marktergebnisse beeinflussen. Der 73-jährige Pionier der Verhaltensökonomie belegt mit seinen langjährigen Untersuchungen, dass sich der Mensch – wie in anderen Lebensbereichen – auch bei wirtschaftlichen
Fragen und der Geldanlage sehr stark von seinen Emotionen leiten lässt und weit weniger rational ist, als dies lange angenommen wurde. Thaler unterscheidet zwischen dem "planerischen Ich“, das langfristig denkt und rationalen Beweggründen folgt, und dem "agierenden Ich“, das unstet ist, kurzfristig denkt und sich von Stimmungen und Emotionen leiten lässt.

Auf Aspekten wie diesen und der Tatsache, dass regelmässig irrationale Entscheidungen getroffen werden, basiert die Behavioral Finance. Denn Fehlentscheidungen und Herdenverhalten führen auch an den Finanzmärkten zu abweichenden Tendenzen von der Theorie des rational handelnden Homo Oeconomicus. Tatsächlich neigen Anleger laut DPAM in der Realität bei negativen wie auch positiven Nachrichten und Ereignissen an den Märkten zu emotionalen Übertreibungen. In der Folge entstehen Fehlbewertungen – sei es, dass einzelne Aktien übertrieben abgestraft oder übertrieben gefeiert werden. Der Homo Economicus ist also im Grunde genommen ein sehr emotionales Wesen.

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