UBS: Konjunkturausblick so unsicher wie selten zuvor

Die Auswirkungen der Coronakrise sind noch kaum abschätzbar und Ausblicke eher unsicher. (Bild: Shutterstock.com)
Die Auswirkungen der Coronakrise sind noch kaum abschätzbar und Ausblicke eher unsicher. (Bild: Shutterstock.com)

Die Eindämmung des Coronavirus stürzt die Schweizer Wirtschaft in eine tiefe Rezession. Der Bundesrat hat mit der Kurzarbeit zu einem effizienten und mit den Überbrückungskrediten zu einem neuartigen Instrument gegriffen und so laut UBS dazu beigetragen, dass die Erholung noch in diesem Jahr gelingen kann. Allerdings ist der Ausblick für die Schweizer Konjunktur so unsicher wie selten zuvor.

28.04.2020, 05:00 Uhr

Redaktion: lek

"Die Bekämpfung der Ausbreitung des Coronavirus hat zur ersten staatlich angeordneten Rezession der modernen Wirtschaftsgeschichte geführt", so Daniel Kalt, Chefökonom UBS Schweiz, in seinem jüngsten Outlook. Er erwartet im Jahr 2020 einen Einbruch des Schweizer Bruttoinlandsprodukts um 4,6%. Der Ausblick für die Schweizer Konjunktur ist also so unsicher wie sonst kaum jemals.

Der Fokus der Wirtschaftspolitik muss laut Kalt nun darauf liegen, die Grundlagen für eine rasche Erholung zu schaffen. Gelingt dies, kann ein Teil des jetzt entstehenden wirtschaftlichen Schadens kompensiert werden. Andernfalls dürften die bleibenden Schäden beträchtlich sein. Solche entstehen in der Regel nicht durch kurze, tiefe Rezessionen, sondern durch langanhaltende Krisen. Während sich die Schweiz von der Finanzkrise 2009 rasch erholte, führte die Immobilienkrise anfangs der 1990er-Jahre zu einem verlorenen Jahrzehnt für die hiesige Wirtschaft. "Wie die aktuelle Rezession dereinst beurteilt wird, hängt entscheidend von der Antwort der Wirtschaftspolitik ab. Mit der Ausweitung der Kurzarbeitsentschädigung sowie den via Banken an Tausende von KMU gewährten Überbrückungskrediten hat der Bund zu wirksamen Instrumenten gegriffen und damit den Grundstein für eine Erholung der Wirtschaft in der zweiten Jahreshälfte gelegt", erklärt Kalt. "Wenn ein Land diese Krise meistern kann, dann die Schweiz. Wir erwarten, dass die Erholung der Schweizer Wirtschaft im zweiten Halbjahr einsetzt und 2021 der Aufschwung zu 3,9% BIP-Wachstum führt."

Corona als Katalysator für den Wandel

Kalt wagt auch den Blick über das Jahr 2021 hinaus: "Die Coronakrise wird kaum neue Trends auslösen, vielmehr wird sie die bestehenden Entwicklungen verstärken – sie kann ein Katalysator für den Strukturwandel sein." Die erfolgreichen Branchen der letzten Jahre – die Pharmaindustrie, die Gesundheitsbranche und die Informationstechnologie – leiden kaum unter der Krise. Währenddessen büssen die bisherigen krisenanfälligen Branchen Tourismus, Gastronomie und Detailhandel in der Rezession massiv an Substanz ein. Der Strukturwandel in der Schweizer Wirtschaft dürfte damit in den kommenden Jahren deutlich an Fahrt gewinnen.

Mit der raschen und starken Reaktion der Fiskalpolitik ist die Geldpolitik in den Hintergrund gerückt. Die Schweizerische Nationalbank (SNB) unterstützt heute mit verschiedenen Massnahmen die Geschäftsbanken bei der Gewährung von Überbrückungskrediten. "Eine Zinssenkung wäre hier wenig hilfreich", meint UBS- Ökonom Alessandro Bee. "Wenn nicht die EZB unerwartet die Zinsen senkt oder der Euro gegen Parität tendiert, dürfte die SNB ihren Leitzins in den kommenden Quartalen bei -0,75% stabil halten." Längerfristig dürfte der Ausblick für die SNB unsicher sein: Es stellt sich die Frage, ob ihre Geldpolitik über den Wechselkurs wieder die dominante Stellung in der Schweizer Wirtschaftspolitik des letzten Jahrzehnts einnimmt. Die Devisenmarktinterventionen könnten der Nationalbank von Seiten des US-Finanzministeriums den Vorwurf einer Währungsmanipulatorin einhandeln. Hinzu kommt, dass die gegenwärtige Geldpolitik langsam, aber sicher an ihre Grenzen stösst, denn der Spielraum für Zinssenkungen ist beschränkt.

Sich mit dem starken Franken abfinden

Für die aktuelle Ausgabe des UBS Outlook wurden über 800 Unternehmen in der Schweiz, die im Aussenhandel tätig sind, befragt. Die Resultate zeigen, dass die Firmen Wege gefunden haben, bis zu einem gewissen Grad mit einem starken Franken zu leben, beispielsweise durch das "natural hedging". Alessandro Bee: "Der Kampf gegen den starken Franken bleibt im kommenden Jahrzehnt ein wichtiges Thema der Nationalbank – wahrscheinlich aber nicht mehr so bedeutend wie im letzten." Ein Wermutstropfen bleibt: Die Unternehmensumfrage zeigt auch, dass die ausländische Konjunktur für die Firmen wichtiger ist als der Wechselkurs. Während sich die SNB gegen eine Aufwertung des Frankens wehren kann, ist sie gegen einen globalen Konjunktureinbruch machtlos. "Einen solchen Einbruch erleben wir gerade", meint Bee.

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