Temporäre Orientierungslosigkeit gehört zum Börsenleben

Mikio Kumada, CIIA, Global Strategist bei LGT Capital Partners
Mikio Kumada, CIIA, Global Strategist bei LGT Capital Partners

Die Verwirrung um die US-Geldpolitik hält an und allein schon aus diesem Grund dürften die Börsen weiter volatil bleiben. Laut LGT-Experte Mikio Kumada bieten solche Phasen meistens auch Einstiegschancen.

29.09.2015, 10:45 Uhr

Redaktion: jod

Federal Reserve-Chefin Janet Yellen stellte letzten Donnerstag klar, dass die US-Leitzinsen doch noch in diesem Jahr steigen könnten. Eine Woche zuvor klang es noch anders. Die Verwirrung um die US-Geldpolitik hält an und allein schon aus diesem Grund dürften die Börsen weiter volatil bleiben. Wir sollten aber auch nicht vergessen, dass solche Phasen meistens auch Einstiegschancen bieten. Die Geschichte zeigt zudem, dass das Schlimmste schon vorbei sein könnte.

Verwirrende News, temporäre Orientierungslosigkeit und Hektik gehören zum Börsenleben. Kurzfristig sind all diese Elemente sinnvoll und wichtig. Dennoch sollten wir versuchen, mittelfristig potenziell bedeutungslosen Lärm als solchen zu identifizieren und das Gesamtbild im Auge zu behalten. Daher wollen wir heute die aktuellen Turbulenzen im Lichte vergangener Erfahrungen beleuchten.

Korrektur oder Beginn einer länger anhaltenden Baisse?
Zunächst sei festgestellt, dass die aktuellen Verwerfungen inmitten einer seit Jahren anhaltenden US-Konjunkturerholung stattfinden. Der Privatkonsum stellt den mit Abstand wichtigsten Treiber der US-Wirtschaft dar. Stellvertretend für grosse, allgemeine Konjunkturzyklen zeigen wir daher den Verbrauchervertrauensindex der Universität Michigan. In Verbindung mit diesem Gesamtbild offenbart sich nämlich der Unterschied zwischen heute und dem Herbst von 2000 und auch 2007, als die letzten beiden Börsenbaissen eingeleitet wurden. 2000 notierte das Vertrauensbarometer auf extrem hohem Niveau, was auf die Endphase eines Booms hinweist. 2007 notierte der Index über dem historischen Durchschnitt. Das grosse Trendbild zeigt aber, dass es sich dabei nur um eine Seitwärtsphase im Rahmen einer sehr langen Talfahrt handelte, die erst 2009 ihr Ende fand. Beide Situationen unterschieden sich aus dieser Sicht deutlich von der aktuellen. Es ist daher unwahrscheinlich, dass wir heute am Anfang einer Baisse stehen.

Vergleichbare Korrekturen der letzten dreissig Jahre
Betrachten wir nun die Korrekturen, die während der letzten drei ganz grossen Aufschwünge des US-Verbrauchervertrauens (bzw. kurz danach) stattfanden - d.h. von 1980 bis 1983 (nach der Doppelrezession von 1979/1981), von 1990 bis 2000 (nach der Rezession von 1990/1991) sowie ab 2009 (Finanzkrise 2007 bis 2009). In diesen Zeiträumen finden sich vier vergleichbare Turbulenzen - im Herbst 1987, Frühjahr 1994, Frühling 2010 und Sommer 2011. Die maximalen Verluste betrugen jeweils rund 36%, 10%, 17% und 21% (aktuelle Korrektur: 12.5%). Es überrascht nicht, dass die Schwankungsmuster der Korrekturen einander ähneln. Alle diese Rückschläge fanden in einem frühen oder mittleren Stadium grosser Erholungen im oben definierten Sinn statt. Sollte sich das Muster von 1994 (reife Phase im Zyklus) wiederholen, ist das Schlimmste bereits hinter uns. Sollten sich hingegen die Muster von 2010 und 2011 (Frühphasen) durchsetzen, dann könnten wir sogar mindestens noch einmal ein neues Zwischentief sehen, bis die Bodenbildung beendet ist. In allen Fällen vergingen ausserdem mindestens sieben Monate, bis der Markt wieder ein neues Hoch erreichen konnte.

Besonders interessant ist der Vergleich mit der Zeit um den Schwarzen Montag vom 19. Oktober 1987. Dieser Extremfall unterscheidet sich durch einige Besonderheiten und bleibt daher unwahrscheinlich. Erstens ging es mit dem Vertrauensindex damals schon seit vier Jahren abwärts, wenn auch nur leicht. Zweitens kamen exogene Ereignisse hinzu: Wenige Tage vor dem Crash, am 16. Oktober, feuerte der Iran Raketen auf US-Schiffe im Persischen Golf ab. Gleichentags wurde die Londoner Börse geschlossen, weil Grossbritannien vom stärksten Orkan seit 1703 heimgesucht wurde (Great Storm of 1987), was den globalen Verkaufsdruck erhöhte. Am Tag des Crashs beschossen US-Kriegsschiffe eine iranische Ölplattform. Drittens verschärften vergleichsweise neue technische Faktoren («Program Trading») die Situation zusätzlich. Doch selbst in diesem Extremfall wurde keine Baisse eingeleitet.

Das Fazit: Am wahrscheinlichsten ist immer noch, dass wir uns aktuell einmal mehr in einer normalen Bullmarkt-Korrektur befinden. Da die Märkte aber trotzdem eine Weile volatil blieben dürften, werden wir die Marktlage jetzt laufend sehr genau beobachten.

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