Swiss Life AM: Optimistischer als der Konsens für die US-Wirtschaft

Laut Swiss Life Asset Managers dürfte In den USA der Widerstand gegen umfassende Lockdowns den wirtschaftlichen Schaden begrenzen. (Bild: Shutterstock.com/BravissimoS)
Laut Swiss Life Asset Managers dürfte In den USA der Widerstand gegen umfassende Lockdowns den wirtschaftlichen Schaden begrenzen. (Bild: Shutterstock.com/BravissimoS)

Aufgrund überraschend positiver Daten ist Swiss Life Asset Managers für die US-Wirtschaft optimistischer gestimmt als der Konsens, ebenfalls für die Schweiz. Der Wiederanstieg von Covid-19-Fällen dürfte laut den Experten in Industrieländern zu keinen umfassenden neuen Lockdowns führen.

09.07.2020, 05:00 Uhr

Redaktion: rem

Das erste Quartal scheint zwar längst vergangen, aber die Publikation des Schweizer Bruttoinlandsprodukts (BIP) in dieser Phase führte zu einer Abwärtskorrektur der Gesamtjahresprognose 2020 von Swiss Life Asset Managers. Das reale BIP schrumpfte gegenüber dem vierten Quartal 2019 um 2,6% – mehr als die erwarteten 2,1%. "Die Details zeigen, dass wir primär die Bautätigkeit falsch einschätzten. Aber gemäss Baumeisterverband bleiben die Auftragsbücher voll und der Anteil der Angestellten in Kurzarbeit ging im Mai auf 5% zurück, nach 10% im April", so die Experten von Swiss Life AM.

Die Wirtschaft wurde seit Mai in drei Hauptphasen wieder hochgefahren, weshalb die Binnenkonjunktur rasch wieder anzog. Laut hochfrequenten Daten der Konjunkturforschungsstelle KOF kehrte die Mobilität der Schweizer auf das Vorkrisenniveau zurück. Im Vergleich zu anderen Prognosen ist Swiss Life bezüglich der Konjunktur im zweiten Halbjahr optimistisch. In der Tourismusbilanz dürfte die Schweiz ein Nettoempfänger sein, weil europäische Touristen in den Sommerferien nur beschränkt reisen können. Sinkende Verbraucherpreise bedeuten für die meisten Haushalte steigende Reallöhne. Dies stabilisierte die Binnennachfrage schon im Nachfeld des Währungsschocks 2015 und dürfte auch dieses Jahr die Konjunktur stützen. "Dennoch wird die diesjährige Rezession Spuren in den Wirtschaftsdaten hinterlassen: Die Arbeitslosigkeit und die Konkursfälle werden in den am stärksten von der Krise betroffenen Sektoren in den kommenden Monaten zunehmen", erwarten die Experten.

Prognosevergleich

Quelle: Consensus Ecopnomics Inc. London, 8. Juni
Quelle: Consensus Ecopnomics Inc. London, 8. Juni

USA: Mit Schwung in die zweite Welle

Die eingehenden US-Wirtschaftsdaten sind äusserst positiv. Einzelhandelsumsätze, Industrieproduktion und Wohnungsmarkt erholten sich im Mai dank der Wiedereröffnung der US-Wirtschaft besser als von den Märkten erwartet. Dadurch ging die Arbeitslosigkeit im Mai erstaunlich stark zurück. Die gute Stimmung hielt im Juni an, weil fast alle Umfragedaten, von regionalen Produktionsumfragen bis zur Konsumentenstimmung, positiv überraschten. Der Citi Economic Surprise Index (er vergleicht tatsächliche Daten mit den Erwartungen) erreichte in den USA ein neues Allzeithoch. Beim Abwägen von Pandemie-Eindämmung gegen Schadensbegrenzung für die Wirtschaft ziehen die USA klar Letzteres vor.

Im Verlauf der letzten Tage stiegen die schon hohen täglichen Ansteckungen weiter an, weil das Coronavirus sich nun auch in zuvor weniger betroffenen Staaten ausbreitet. Diese neuen Hotspots, darunter Schwergewichte wie Texas und Florida, machen rund 22% des US-Bruttoinlandsprodukts (BIP) aus. "Auch wenn der Neuanstieg der Fälle ein Risiko für die Erholung darstellt und Lockerungen bereits gestoppt oder gar rückgängig gemacht wurden, dürfte der Widerstand gegen umfassende Lockdowns den wirtschaftlichen Schaden begrenzen. Daher halten wir an unserer BIP-Prognose für 2020 von –3,4% fest", so die Experten von Swiss Life AM. Sie liege klar über der Konsensusschätzung. Die meisten Daten legten zwar im Mai mit der Aufhebung der Lockdowns zu, die Inflation blieb aber unter den Erwartungen und ging zurück. Die Haupttreiber waren Energie, Kleidung, Gebrauchtwagen und Transport. Es scheine also, als wären Rabatte weiterhin nötig gewesen, um die Nachfrage im Mai zu stützen. Doch markierte der Mai wohl den Tiefpunkt, weil höhere Energiepreise und die Konjunkturnormalisierung für eine höhere Gesamt- und Kerninflation sorgen werden.

Eurozone: Einigung zum Hilfsplan muss erzielt werden

Europa erholt sich von Sizilien bis Finnland von seiner grössten Rezession seit Jahrzehnten. Konjunkturindikatoren stabilisieren oder verbessern sich. In jenen europäischen Ländern, die vergleichsweise wenig unter Covid-19 litten, zeichnet sich eine U-förmige Erholung im zweiten Halbjahr ab. Aber trotzdem dürften Laut Swiss Life AM Arbeitslosigkeit und Firmenkonkurse auch 2021 und womöglich darüber hinaus zunehmen: "Unsere Prognose zum Verlust des realen BIP für 2020 bleibt optimistischer als jene unserer Mitbewerber. Von den 29 Instituten der Konsensusumfrage dieses Monats gaben nur zwei eine leicht optimistischere Prognose ab."

Offenbar ist der Unterschied zwischen verfügbaren Prognosen im Hinblick auf den erwarteten Rückgang der Wirtschaftsleistung im zweiten Quartal klein, aber gross im Hinblick auf die erwartete Konjunkturerholung im dritten Quartal. Damit das Basisszenario von Swiss Life AM eintrete, dürften sich neue Lockdowns nur auf lokale Hotspots beschränken. Im alternativen Szenario mit einer zweiten Ansteckungswelle, die Europas Gesundheitssystem überfordert, wäre eine Stagnation über mehrere Quartale die Folge. "Die einzelnen Staaten waren zwar für die Bekämpfung der Pandemie zuständig, die wirtschaftlichen Folgen werden aber Europas multilaterale Institutionen zu bewältigen haben. Am Treffen des EU-Rates vom 17./18. Juli muss eine Einigung zum vorgeschlagenen Hilfsplan erzielt werden", betont das Expertenteam.

Die Inflationstrends in der Eurozone während der Krise einzuschätzen, sei schwierig. Die vorläufigen Junizahlen überraschten positiv wie negativ: In Deutschland unterschätzte Swiss Life AM die Inflation, in Frankreich lagen die Werte dagegen weit unter den Erwartungen. Diverse Statistikämter meldeten seit März Probleme bei der Erhebung der Preise von Gütern und besonders Dienstleistungen, die zeitweise gar nicht angeboten wurden.

China: Fiskalimpulse als Rettung

China verstärkt seine Stimuli für die Wirtschaft. Im Mai betrug die Wachstumsrate bei der Kreditvergabe 12,5%. Begünstigt wurde dies durch die Emission von speziellen lokalen Regierungsanleihen primär für Infrastrukturprojekte. Die Infrastrukturinvestitionen erholten sich deshalb schnell und lagen im Mai über dem Vorjahresniveau. Die Konsumenten hingegen scheinen da vorsichtiger. Die Auto- und die Möbelverkäufe liegen zwar über dem Vorjahr, die Verpflegungsdienstleistungen nehmen aber stark ab. Neue Coronavirus-Fälle in Peking führen das Risiko einer zweiten Welle vor Augen.

"Wir glauben zwar nicht, dass neue landesweite Lockdowns verhängt werden, aber bestehende Social-Distancing-Regeln werden so bald nicht aufgehoben und dies könnte die Konsumerholung verzögern. Zudem bleiben die politischen Risiken hoch, weil China die Einführung eines Gesetzes über die nationale Sicherheit in Hongkong vorantreibt", sagen die Experten. Mit dem neuen Gesetz würde China die Freiheit der Bevölkerung Hongkongs einschränken. Geplant ist unter anderem die Einrichtung eines Büros, das Informationen sammelt und sich mit Verbrechen gegen die nationale Sicherheit befasst. Dies werde wohl für neue soziale Unruhen in Hongkong sorgen und die Beziehung zwischen den USA und China weiter verschlechtern.

Chinas Inflation brach im Mai von 3,3% auf 2,4% ein, weil die Nahrungsmittelinflation weiter zurückgeht. Besonders die Preise für Schweinefleisch, die infolge der Afrikanischen Schweinepest 2019 in die Höhe schnellten, sinken nun wieder, weil sich das Schweinefleischangebot stetig erholt. Aufgrund dieser Entwicklung korrigiert Swiss Life AM seine Jahresinflationsprognose von 3,0% auf 2,6%.

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