Spanien kann sich Vorbild für andere "Problemkinder" der Eurozone hervortun, so Christophe Bernard, Chefstratege bei Vontobel.
29.09.2015, 11:16 Uhr
Mit den Sparmassnahmen und Reformen der vergangenen Jahre musste Spanien eine bittere Pille schlucken, doch nun ist die Wirtschaft auf dem Weg der Besserung. Es ist zwar noch viel zu tun, doch das Land kann als Vorbild für andere «Problemkinder» der Eurozone gelten. Wie in anderen fragilen Volkswirtschaften an der sogenannten «Peripherie» der Eurozone sind weitere Verbesserungen allerdings davon abhängig, ob die Wähler den Reformkurs weiter unterstützen.
Die Prognosen für das globale Wirtschaftswachstum weisen ein wiederkehrendes Muster auf: Für gewöhnlich werden sie im Jahresverlauf nach unten geschraubt. Dabei ist es unerheblich, ob sie von Ökonomen des Privatsektors oder prestigeträchtigen Institutionen wie dem Internationalen Währungsfonds (IWF) oder der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) stammen. Insbesondere seit Ausbruch der Finanzkrise im Jahr 2008 sind solche Abwärtsrevisionen zu beobachten. So wurden auch die Prognosen für das Wirtschaftswachstum 2015 und 2016 angesichts der anhaltenden Schwäche in den Schwellenländern in gewohnter Manier gesenkt (siehe Grafik 1).
Grafik 1: Prognosen für globales BIP-Wachstum regelmässig nach unten revidiert Quelle: Consensus Economics Inc., Vontobel Asset Management
Madrids ruhige Hand ein Segen für die Wirtschaft Spanien ist jedoch die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Davon zeugen die erhöhten BIP-Prognosen für 2015 und 2016 (siehe Grafik 2). Mit steigenden Arbeitslosenzahlen, dem Kollaps des Wohnimmobilienmarktes und einer Rekordlast von faulen Krediten in den Bilanzen der spanischen Banken hat das Land unzweifelhaft eine schwere Krise erlebt. Doch nach schmerzhaften Reformen der Arbeits- und Produktmärkte sowie der Rettung des Bankensystems haben sich Geschäfts- und Verbrauchervertrauen wieder aufgehellt. Das BIP-Wachstum dürfte 2015 in Spanien über 3 Prozent liegen; zudem werden Arbeitsplätze geschaffen. Die Direktinvestitionen aus dem Ausland ein Zeichen grösserer Wettbewerbsfähigkeit steigen und haben in den vergangenen zwölf Monaten sogar die entsprechenden Zahlen in Deutschland übertroffen (siehe Grafik 3). Die dank des Liquiditätsprogramms der Europäischen Zentralbank (EZB) rekordtiefen Zinssätze, die niedrigeren Energiepreise und der schwache Euro verleihen der spanischen Wirtschaft ebenfalls kräftig Schwung.
Grafik 2: Die Konjunktur in Spanien dürfte sich 2015 und 2016 gut entwickeln Quelle: Consensus Economics Inc., Vontobel Asset Management
Natürlich gibt es noch viel zu tun, beispielsweise hinsichtlich des Haushaltsdefizits und der Verschuldungsquote. Ersteres dürfte 2016 wohl kaum auf die 3 Prozent des BIP sinken, die im Vertrag von Maastricht als offizielles Ziel für die Eurozone festschrieben sind. Die Verschuldungsquote wiederum ist im Begriff, die 100-Prozent-Marke zu überschreiten und liegt damit deutlich über der «Maastrichtgrenze» von 60 Prozent. Das grösste Risiko für die Prognose birgt indessen die politische Lage. Am 27. September finden in Katalonien Regionalwahlen statt, und im Dezember stehen Parlamentswahlen an. Die Regierung in Madrid hat bereits signalisiert, dass sie eine Abspaltung Kataloniens von Spanien nicht akzeptieren würde. Die regierende konservative Volkspartei von Ministerpräsident Mariano Rajoy dürfte in den bevorstehenden Parlamentswahlen im Dezember ihre aktuelle Mehrheit verlieren.
US-Währungshüter erkaufen sich mehr Zeit In den Vereinigten Staaten haben die Unsicherheiten hinsichtlich des globalen Konjunkturausblicks die US-Notenbank Fed dazu veranlasst, den geplanten Straffungszyklus aufzuschieben. Fed-Präsidentin Janet Yellen steht vor mehreren Dilemmas: hier Vollbeschäftigung in den USA dort gedämpfte Inflation, hier schwache Produktionsdaten dort Aufwind im Dienstleistungssektor. Risikomanagement ist daher bei der Entscheidung des Fed zu einer wichtigen Dimension geworden. Insofern hat sich die US-Notenbank durch ihr Verharren mehr Zeit erkauft, um die Auswirkungen der Konjunkturschwäche in China und einiger wichtiger Schwellenländer auf die USA besser bewerten zu können. Gemäss Bernard wird das Fed im Dezember mit der Anhebung der Zinsen beginnen und sie danach vierteljährlich um jeweils 25 Basispunkte erhöhen. Dieser Kurswechsel dürfte den US-Dollar stützen und seiner im März begonnenen Konsolidierung gegenüber dem Euro ein Ende setzen.
Bereit, Barmittel selektiv einzusetzen Vontobels Gesamteinschätzung lautet, dass das gegenwärtige Umfeld für riskante Anlagen günstig bleibt, sofern Anleger wirklich selektiv vorgehen. Die Notenbanken Europas und Japans weiten ihre Bilanzen ungebremst aus. Auch die Peoples Bank of China dürfte ihre Geldpolitik weiter lockern. Die Analysten senken ihre Prognosen für Unternehmensgewinne zwar nach wie vor (mit Ausnahme von Japan), was die schwache Nachfrage aus den Schwellenländern und weiterhin verhaltene Aussichten für Rohstoffproduzenten und ihre Lieferanten unterstreicht. Allerdings haben die Marktteilnehmer begonnen, ein Szenario vorwegzunehmen, das sich als zu pessimistisch erweisen dürfte. Dadurch eröffnen sich Chancen für Anleger. Vontobel hat die im Frühsommer angesammelten Barmittel noch nicht wieder investiert, ist aber zunehmend dazu bereit, wenngleich äusserst selektiv.
Grafik 3: Ausländische Direktinvestitionen in Spanien höher als in Deutschland (OECD, bn EUR, 4Q moving avg.) Quelle: Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), Vontobel Asset Management
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