Sex and Drugs and Rock ’n’ Roll

Guido Barthels, Portfolio Manager der Ethna Funds.
Guido Barthels, Portfolio Manager der Ethna Funds.

In Kürze sollen die EU-Mitglieder (Neu-)Berechnungen ihrer BIPs vorlegen. Gemäss ETHENEA fragen sich nicht nur Verschwörungstheoretiker: Kann man den Wirtschaftsdaten noch trauen?

16.07.2014, 09:03 Uhr

Redaktion: dab

Anfang Juni wurde berichtet, dass Italien demnächst Drogenhandel und Prostitution in die Berechnung seines BIPs einfliessen lassen wird. Was wie der unredliche Versuch der europäischen Südstaaten aussieht, ihre Verschuldung zu senken, ist tatsächlich die Umsetzung einer Empfehlung der Vereinten Nationen von 2008. Die Zielsetzung des sogenannten System of National Accounts (SNA) ist es, die Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen der Staaten besser vergleichen zu können. Für die EU heisst die Umsetzung dieser Empfehlung ESA 2010 (European System of National and Regional Accounts).

In Europa sollen die ESA-2010-Standards bis September 2014 umgesetzt werden. Die grössten Auswirkungen auf das BIP werden für Schweden und Finnland angenommen, mit einem zusätzlichen BIP zwischen 4 und 5%. Sie gehen auf die Bereiche Forschung und Entwicklung zurück, welche in Skandinavien einen beträchtlichen Anteil am BIP haben.

Nicht grundlos wittern Verschwörungstheoretiker einen Missbrauch der Richtlinien durch die Politik. Datenreihen sollte man heute mehr denn je hinterfragen, da in Zeiten von stets verfügbaren Real-Time-Daten schnell der Trugschluss naheliegt, Daten seien gleich Information. Um aus der Datenflut Informationen zu gewinnen, müssen sie bearbeitet werden – und da liegt der Hase im Pfeffer.

Betrachtet man das BIP-Wachstum der USA auf einer annualisierten Quartalsbasis, stellt man etwa anhand von Q1 2014 fest, wie sich die Schätzungen ausgehend von 1,7% über 0,1% und weiter über -1% auf (aktuell) katastrophale -2,9% verändert haben – und das innerhalb von gerade einmal drei Monaten. Noch deutlicher wird dieses Phänomen, wenn man die Entwicklung des BIP für Q1 2008 berücksichtigt. Lag die Schätzung ursprünglich bei +0,6%, wurde sie im Zeitverlauf in mehreren Schritten auf -2,7% revidiert. Fast noch erschreckender als die Magnitude der Veränderung ist allerdings ihr Zeitpunkt, da sie erst im Juli 2013 vorgenommen wurde. Also fast fünf Jahre nachdem Ereignis. Falls diese beiden Datenpunkte nicht nur Ausreisser in einem ansonsten soliden Zahlenwerk sind, wäre der Rückschluss erschreckend. Im Prinzip bewegen wir uns in einer Scheinwelt – und nicht nur wir als Marktteilnehmer sondern auch die Zentralbanken, die mit groben Schätzfehlern ihrer Lagebeurteilung aufgrund ihrer eigenen Daten leben müssen und vor allem eines tun: Geldpolitik betreiben. Wenn man dann noch die BIP-Änderung durch Schätzungen illegaler Aktivitäten mit einbringt, werden die Daten sicherlich nicht genauer.

Da bleibt zu hoffen, dass die übrigen Daten von einer besseren Güte sind als diese beiden BIP-Schätzungen. Ob es allerdings an uns ist, die Validität chinesischer Wirtschaftsdaten in Frage zu stellen, wie es ja in letzter Zeit oft geschehen ist, mag jeder für sich selbst entscheiden.

Bleiben Sie skeptisch.

Daniel Lüchinger, CIO der Graubündner Kantonalbank (rechts), und Dr. Thomas Steinemann, CIO der Privatbank Bellerive. (Bild pd)

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