Schwellenländer-Anleihen: Eine neue, wichtige Assetklasse entsteht

Luc D’hooge, Head of Dexia AM Emerging Markets Bond Funds
Luc D’hooge, Head of Dexia AM Emerging Markets Bond Funds

Noch immer beherrscht die europäische Schuldenkrise die Schlagzeilen. Die Haushaltsdefizite der meisten etablierten Industrieländer sind höher als je zuvor und die Wachstumsaussichten alles andere als gut. Vor diesem Hintergrund erweisen sich Schwellenländer-Anleihen als lohnenswerte Alternative.

27.11.2012, 16:36 Uhr

Redaktion: luk

„Mit einer langfristigen Strategie wird man voraussichtlich von den strukturellen Verbesserungen der Schwellenländer profitieren können, zumal sie die Weltwirtschaft zurzeit massgeblich stützen“, meint Luc D’hooge, der für die Schwellenländer-Strategie bei Dexia AM verantwortlich ist. Wichtig ist zunächst, ob die Ratings die Ausfallrisiken tatsächlich korrekt wiedergeben. Die Industrieländer sind nämlich deutlich höher verschuldet als die Schwellenländer. Am leichtesten lässt sich die Saatsschuldenquote, also das Verhältnis von Staatsschulden zum BIP, durch Wachstum verringern – und das ist in den Schwellenländern sehr viel stärker.

Reiche Länder mit hohem Pro-Kopf-Einkommen erhalten von den Agenturen ebenfalls bessere Ratings. Die Agenturen begründen dies mit der grösseren Steuerbasis. Zugegeben: Einigen Schwellenländern fällt es schwer, Steuern einzutreiben. Allerdings sind in einigen Industrieländern die Belastungen bereits jetzt so hoch, dass nur noch wenig Spielraum besteht. Zwar haben die reichen Länder besser funktionierende und unabhängigere Behörden. Sie verfügen über stabile Demokratien, die ein höheres Rating rechtfertigen. Andererseits ist die Geld- und Fiskalpolitik der Schwellenländer sehr viel disziplinierter geworden. Viele Schwellenländer erwirtschaften Leistungsbilanzüberschüsse und verfügen über Fremdwährungsreserven. Sie haben flexible Wechselkurse, klare Inflationsziele und eine bessere Schuldenstruktur als früher – mit mehr Lokalwährungsanleihen und längeren Laufzeiten. Auch die staatlichen Institutionen haben Fortschritte gemacht und sind unabhängiger geworden.

Überzeugende Aussichten
Aufgrund der Reformen in den letzten zehn Jahren fiel es den meisten Schwellenländern vergleichsweise leicht, mit den Turbulenzen des Jahres 2008 und der aktuellen Krise fertig zu werden. Natürlich sind die Bruttoinlandsprodukte zunächst eingebrochen, aber erstmals waren die Schwellenländer in der Lage, dieser Entwicklung mit einer antizyklischen Wirtschaftspolitik entgegenzuwirken. Der Rückgang der Exportnachfrage wurde durch eine Stärkung der Binnennachfrage kompensiert und die flexiblen Wechselkurse federten die externen Schocks ab. Trotz Kapitalflucht waren die Schwellenländer wirtschaftlich wesentlich gesünder als die Industrieländer. Auch die Aussichten sind sehr ermutigend. Das Wachstum wird zwar vermutlich zurückgehen, aber langfristig hoch bleiben – auch dank der günstigen demographischen Entwicklung, die zudem für höhere Steuereinnahmen sorgt. Diese demographische Entwicklung kann ausserdem auch Einfluss auf den Preis von Anlageprodukten wie Aktien, Anleihen und sogar Immobilien haben, da Anleger mit dem Eintritt ins Rentenalter dazu neigen, ihre Anlageprodukte zu verkaufen.

Diese überzeugenden Aussichten haben weitreichende Auswirkungen: Das wirtschaftliche Kraftzentrum verschiebt sich in die Schwellenländer. Der Anteil Asiens am Welt-BIP wird sich nach Angaben der OECD bis 2050 verdoppeln. Bereits heute haben die Schwellenländer einen Anteil von mehr als 30% am weltweiten Konsum (ebenfalls nach Angaben der OECD) und halten mit insgesamt 8 Billionen US-Dollar den Grossteil der Fremdwährungsreserven weltweit. In den BRIC-Ländern ging die Staatsschuldenquote in zwölf Jahren von 46% auf 34% des BIP zurück.

Aus all diesen Gründen hat sich die Bonität kontinuierlich verbessert. Das durchschnittliche Rating des EMBI Global Diversified beträgt heute Baa3 bzw. BBB- und BBB-; aus High-Yield-Anleihen wurden Investmentgrade-Papiere. Heute werden mehr Ratings von Schwellenländeranleihen herauf- als herabgestuft.

Eine wichtige Assetklasse entsteht
Die Schwellenländer haben den Lackmustest (die Krise des Jahres 2008) mit Bravour gemeistert und an Glaubwürdigkeit gewonnen. Damit wird die Assetklasse auch für vorsichtige Investoren interessanter. Es gibt drei verschiedene Typen von Schwellenländeranleihen, die trotz historisch niedriger Zinsen noch interessante Spreads und deshalb nach wie vor attraktive Bewertungen aufweisen:

- Lokalwährungsanleihen
Lokalwährungsanleihen sind in den Währungen der Emittentenländer denominiert. Ihre Realrenditen sind heute so niedrig wie nie, aber sie liegen noch immer um 250 Basispunkte über denen der Industrieländer. Ausserdem kann man mit ihnen in interessante und möglicherweise unterbewertete Währungen investieren und so recht attraktive Erträge erzielen. Diese Anleihenart ist aber aufgrund von Wechselkursschwankungen die volatilste.

- Unternehmensanleihen
Hierbei handelt es sich um einen wichtigen Markt mit einer rasanten Entwicklung. Die Bewertungen sind attraktiv, und die Kurse sind niedriger als die von ratinggleichen amerikanischen Unternehmensanleihen. Hinzu kommt, dass viele Unternehmen allein aufgrund ihrer Herkunft ein niedrigeres Rating erhalten. Die Marktkapitalisierung des CEMBI Broad Index ist von 20 Milliarden US-Dollar im Jahr 2002 auf heute 560 Milliarden US-Dollar gestiegen. Dennoch ist der Markt noch immer nur eingeschränkt liquide.

- Fremdwährungsanleihen
Sie sind die liquideste Kategorie und zugleich der mit 53 Ländern am stärksten diversifizierte Markt. Viele dieser Länder stehen aber erst noch am Anfang ihrer Entwicklung. Der Markt ist stark segmentiert und es gibt viele Anlagemöglichkeiten mit einer hohen Information Ratio. Die Sharpe Ratio von Fremdwährungsanleihen ist mit 1,28 seit 2003 höher als die der anderen beiden Kategorien.

Attraktives Diversifikationsinstrument
Schwellenländeranleihen sind deshalb für viele Investoren interessant geworden. Es gibt hohe Zuflüsse von spezialisierten Anlegern, aber auch immer mehr von Investoren aus den Schwellenländern selbst. Das Risiko massiver Mittelabflüsse nimmt deshalb ab. Die Bewertungen Dollar-denominierter Schwellenländeranleihen können weiter steigen, so lange die Zinsen so niedrig sind wie heute. Bei Anleihen in Lokalwährung winken ausserdem Währungsgewinne, wenn traditionelle Reservewährungen wie der US-Dollar abwerten. „Investoren sollten das Wachstum, die zunehmende Glaubwürdigkeit der Schwellenländer und die geringe Korrelation ihrer Anleihen mit anderen Assetklassen nutzen. Wer in Schwellenländeranleihen investiert, kann von der Attraktivität der Emittentenländer profitieren und sein Portfolio diversifizieren“, so Luc D’hooge abschliessend.

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