Nur noch zwei mögliche Szenarien für die Eurozone

John Greenwood, Chefvolkswirt von Invesco
John Greenwood, Chefvolkswirt von Invesco

Während die Euro-Krise die Märkte weiter in Atem hält, finden radikale Protestparteien unter den Wählern in der Eurozone immer mehr Zulauf. Vor diesem Hintergrund argumentiert der Chefvolkswirt von Invesco, John Greenwood, dass ausgedehnte Sparprogramme in den südlichen Krisenländern nicht mehr tragbar sind und es de facto nur noch zwei mögliche Szenarien für eine Lösung der Eurokrise gibt.

07.06.2012, 14:46 Uhr

Redaktion: sek


In den kommenden Wochen könne es entweder zum Staatsbankrott und Austritt Griechenlands – sowie möglicherweise eines oder mehrerer weiterer Länder – kommen oder zu einer Annäherung an eine echte Fiskalunion mit einem Verlust nationaler (haushaltspolitischer) Souveränität, so Greenwood in seinem aktuellen „Global Economic Insight“.

Die Beibehaltung der Währungsunion in ihrer derzeitigen Zusammensetzung mit strengen Sparprogrammen und entsprechend tiefen Rezessionen in den Krisenländern habe wenig Aussicht auf Erfolg, weil sie von den Wählern im Euroraum nicht lange akzeptiert würde. „Entweder würden die Wähler im südlichen Europa der Sparmassnahmen überdrüssig oder die Wähler in den Kernländern hätten bald genug von immer neuen Rettungspaketen“, so Greenwood. Basierend auf einer Analyse der Ursprünge der Eurozone sowie mehrerer historischer Präzedenzfälle betont Greenwood drei wichtige Lehren, die der politischen Führung der Eurozone bei ihrer Entscheidung für eine Auflösung der Währungsunion oder den Aufbau einer stärkeren europäischen Union in den nächsten zehn Jahren helfen können.

Mehr Regeln und einheitliche Finanzordnung erforderlich

Die erste Lehre betrifft die Fehlentscheidung, Volkswirtschaften mit einer unterschiedlichen wirtschaftlichen Leistungskraft, divergierenden Produktivitätstrends, unterschiedlichen Arbeitsmärkten und verschiedenen sozialen Systemen in einer Währungsunion zusammenzufassen. Zweitens müssten die Regeln, die für eine solide finanzwirtschaftliche Entwicklung auf Einzelstaatsebene sorgen sollen, deutlich weitreichender sein als die drei Maastricht-Kriterien oder die zwei Auflagen des Wachstums- und Stabilitätspaktes. Drittens erfordere eine Währungsunion auch eine einheitliche Finanzordnung, in der der Bund im Namen der gesamten Union Steuern erlassen, Schulden aufnehmen und Ausgaben tätigen kann.

Die Umsetzung einer echten Fiskalunion mit dem damit verbundenen Verlust an nationaler Souveränität haben die Mitgliedstaaten in der Vergangenheit standhaft abgelehnt. Der Chefökonom von Invesco weist jedoch darauf hin, dass eine schnelle Umsetzung einer einheitlichen Finanzordnung die mit der Ausstiegsoption verbundene Gefahr einer Ansteckung und eines Zusammenbruchs des Finanzsystems in einigen Peripheriestaaten verhindern würde, wobei letzteres sicherlich schwerwiegende Folgen für die Finanzmärkte hätte.

Baldige Entscheidung über Zukunft der Währungsunion

Eine starke föderale europäische Regierung könnte die Schulden der Mitgliedstaaten übernehmen, den Euro-Staaten kollektive Einnahme- und Ausgabenbefugnisse geben und künftig Schuldtitel für die gesamte Eurozone emittieren. „Wenn Brüssel die Schulden Griechenlands oder anderer strauchelnder Peripherieländer übernehmen sollte, würde dies kurzfristig für Entspannung sorgen, und der Euro-Staatsanleihenmarkt würde sich neben dem US-Treasury-Markt als einer der wichtigsten Rentenmärkte der Welt etablieren“, so Greenwood. Er geht davon aus, dass die politische Führung der Eurozone schon in den nächsten Wochen über die Zukunft der Währungsunion entscheiden wird, voraussichtlich bald nach den für den 17. Juni angesetzten Wahlen in Griechenland.


Lesen Sie hier den „Global Economic Insight“ von John Greenwood in Englisch.


Alle Artikel anzeigen