Mangelnde Zuversicht lähmt

Valentijn van Nieuwenhuijzen ist Head of Strategy bei ING Investment Management
Valentijn van Nieuwenhuijzen ist Head of Strategy bei ING Investment Management

ING Investment Management prognostiziert Wachstum für 2013, wenn auch ein erhebliches Risiko von Markterschütterungen besteht. Der Vermögensverwalter weist auch darauf hin, dass viele Investoren das Aufwärtspotenzial unter Umständen nicht nutzen werden, weil es ihnen an Zuversicht mangelt.

14.11.2012, 09:17 Uhr

Redaktion: mak

Die jüngste von ING IM unter europäischen Investoren durchgeführte Umfrage hat ergeben, dass 85 Prozent einen Zusammenbruch der Eurozone befürchten. Die zweitgrösste Gefahr wird in einer Verlangsamung des Wachstumstempos in China gesehen. 40 Prozent der Befragten machen sich insofern grosse Sorgen.

Auf seiner am 13.11.2012 in London stattfindenden Annual Outlook Conference prognostiziert das Haus ein Realwachstum der Weltwirtschaft von 3,3 Prozent für 2013. Für 2012 hatte der Vermögensverwalter mit einer Zuwachsrate von 3,0 Prozent gerechnet. Ferner prognostiziert ING IM ein 2,2%iges Wachstum für die USA in diesem Jahr, das im nächsten Jahr auf 2,0 Prozent sinken dürfte. Die Schätzungen für die Eurozone und Grossbritannien liegen bei -0,5 und 0,3 Prozent bzw. -0,1 und 1,3 Prozent.

Was die Emerging Markets betrifft, rechnet ING IM mit einem Wachstum der Wirtschaftsleistung um 5,4 Prozent in diesem Jahr, die sich 2013 auf 6,0 % beschleunigen dürfte. Nach ING IMs Prognosen sollen die entsprechenden Zahlen in China bei 7,6 bzw. 7,8 Prozent liegen und 2014 auf 6,5 Prozent zurückgehen.

Dazu Valentijn van Nieuwenhuijzen, Head of Strategy, bei ING Investment Management: „Die Prognosen für 2013 versuchen, eine Balance zu schaffen zwischen den positiven Impulsen der lockeren Geldpolitik und den Belastungen durch staatliche Sparmassnahmen und Schuldenabbau im Privatsektor. Weltweit ist die Lage äusserst volatil und durch die bestehenden Ungleichgewichte ist die Wirtschaft anfällig für Erschütterungen. Doch es wird immer neue Schocks geben, insofern müssen Anleger die zyklischen Wellen für sich nutzen.“

„Die Zuversicht der Investoren ist gering, daher besteht das Risiko, dass sie das unserer Ansicht nach deutliche Aufwärtspotenzial nicht nutzen. Die Preisdaten vom amerikanischen Wohnimmobilienmarkt verbessern sich und auch das Baugewerbe in den USA sieht optimistischer in die Zukunft. Zum Teil sind die Daten aber auch widersprüchlich: So hält sich der US-Arbeitsmarkt recht gut, während andererseits die Investitionsausgaben sinken. Das könnte ein Zeichen für Sparpolitik oder aber rationelle Expansion sein – Investitionsentscheidungen lassen sich weniger leicht umkehren als Personalentscheidungen“, sagt van Nieuwenhuijzen.

Anleihen: Übergewichtung bei Spread-Produkten
Nach Auffassung von ING IM wandelt sich das Risikoprofil bei festverzinslichen Werten. Grund ist die Trendumkehr im globalen Konjunkturzyklus sowie Hinweise darauf, dass der Zustrom von Anlagekapital auf den Unternehmensanleihe-markt bereits zu lange anhält. Sobald die kurzfristigen politischen Risiken nachlassen, ist mit einem moderaten Anstieg der Renditen auf Staatsanleihen zu rechnen. Die Kreditflüsse könnten dann in andere Anlageformen umgeleitet werden.

ING IM bleibt bei seiner Übergewichtung von Emerging Market Debt in Lokalwährung sowie Spread-Produkten. Erst kürzlich hat das Haus die Gewichtung von EM FX angehoben. Damit ist EM FX die einzige übergewichtete Position des Hauses bei festverzinslichen Anlageformen mit Risikoaufschlag. Gleichzeitig hat der Vermögensverwalter High Yield, Senior Bank Loans und Schwellenländeranleihen in harter Währung auf eine geringfügige Untergewichtung zurückgeführt. ING IM hat erst kürzlich die Gewichtung jener Assetklassen angehoben, bei denen die Normalisierung der Risikoprämien nach Ansicht des Hauses bei Weitem noch nicht abgeschlossen ist. So wurden Staatsanleihen von der Euro-Peripherie geringfügig untergewichtet und Investment Grade Credits von einer geringen Untergewichtung auf neutral geführt.

Insgesamt sprechen nach Einschätzung von ING IM immer mehr Gründe für einen Übergang von Kreditprodukten zu Aktien.

Aktien: Hohe Risikoaufschläge in Europa
ING IM weist darauf hin, dass die Analystenprognosen mit zweistelligen Bottom-up-Erträgen für Aktien in 2013 viel zu hoch gegriffen sind. Dem stehen ING IMs Top-down-Gewinnprognosen von weniger als 5,0 Prozent in den USA bzw. nahezu 0 Prozent in der Eurozone gegenüber.

Dazu Patrick Moonen, Senior Equity Strategist bei ING IM: „Wir erwarten daher, dass die Ertragsdynamik in 2013 negativ bleibt. Doch zum Glück sind die Unternehmensbilanzen weiterhin solide. Eine robuste finanzielle Verfassung und niedrige Zinsen könnten zu einem Anstieg der Unternehmensausgaben, lebhafterer M&A-Tätigkeit und auch höheren Investitionsausgaben führen – vorausgesetzt, die Unternehmen fassen wieder Zuversicht. Desgleichen rechnen wir mit einem Anstieg der Aktienrückkäufe und höheren Dividenden. Für Europa erwarten wir in den nächsten beiden Jahren ein durchschnittliches Dividendenwachstum von 3,5 Prozent und in den USA sogar von 6 Prozent.“

ING IM zufolge werden die Aktienrisikoaufschläge – vor allem in Europa – hoch bleiben. Ferner ist der Vermögensverwalter überzeugt, dass die Differenz gegenüber den Risikoaufschlägen auf US-Aktien die unterschiedlichen Risikodynamiken der beiden Regionen nicht angemessen widerspiegelt. Das Haus gibt daher europäischen Titeln den Vorzug vor US-Aktien. ING IM zufolge wächst die Attraktivität von EM-Aktien zwar, doch die relative Dynamik bei Konjunktur- und Gewinndaten muss sich noch weiter verbessern.

ING IM weist darauf hin, dass es sich stärker an einer zyklischeren Sektorallokation orientiert. Das liegt u. a. an den freundlicheren Economic-Surprise-Daten, der relativen Gewinndynamik zyklischer Sektoren und den im Vergleich zu defensiven Werten attraktiveren Bewertungen. Ferner bleibt ING IM bei Finanztiteln übergewichtet, da nach seiner Einschätzung das systemische Risiko in Europa zurückgegangen ist, während sich zugleich die grundlegenden Perspektiven in den USA verbessert haben. Darauf deuten insbesondere das positive Kreditwachstum und ein sich erholender Wohnimmobilienmarkt hin. Insgesamt erwartet ING IM 2013 bei Aktien eine Marktperformance im hohen einstelligen Bereich.

Emerging Markets: Fokus auf Indien, Brasilien, Russland und Türkei
Nach den Worten von ING IM wird der lebhaftere Welthandel auch das Wachstum in den Schwellenländern ankurbeln. Die Wachstumsentwicklung in China beruhigt nun auch die Sorgen um eine harte Landung der chinesischen Wirtschaft. Ganz allgemein ist die Outperformance chinesischer Werte ein positives Signal für EM-Aktien.

Maarten-Jan Bakkum, Emerging Markets Strategist bei ING IM, erklärte dazu: „Es spricht viel dafür, dass das Wachstum im Land der Mitte in den kommenden fünf Jahren auf eine jährliche Zuwachsrate von rund 5,0 Prozent abkühlen wird. Doch infolge von Konjunkturmassnahmen und etwas lebhafterem Welthandel könnte die Wachstumsrate wieder etwas steigen. Das hätte zweifelsohne eine positive Wirkung auf die Wachstumsprognosen in den aufstrebenden Volkswirtschaften.“

Bakkum warnt aber auch, dass der Kapitalfluss auf die Emerging Markets schwach ist, während in den vergangenen fünf Quartalen gleichzeitig Kapital abgezogen wurde. Das lag u. a. an der Angst vor einer konjunkturellen Abkühlung in China.

Nach Meinung von ING IM besteht die grösste Herausforderung für EM-Investoren darin, ihre Sorgen im Hinblick auf den strukturellen Abschwung in China, sich verschlechternde Wirtschaftspolitik in Ländern wie Südafrika und den versiegenden Kapitalfluss in die Schwellenländer auszutarieren.

Länder, die – wie es so schön heisst – ihr Haus noch nicht in Ordnung gebracht haben, sind im gegenwärtigen Umfeld für negative Entwicklungen anfällig. Bei den Emerging Markets setzt ING IM vor allem auf Indien, Brasilien, Russland und die Türkei.

Immobilien: Übergewichtung in der Eurozone
ING IM hält hier eine Übergewichtung, da das Anlegerinteresse an „sicheren“ Renditen wächst. Auch der US-Wohnimmobilienmarkt erholt sich und die Dividenden dieser Assetklasse bleiben im Vergleich zu anderen entwickelten Märkten interessant. ING IM zieht „risikoreichere“ Immobilienwerte vor und hält eine Übergewichtung in der Eurozone.

Rohstoffe: Preise könnten Höchststände erreichen
In diesem Bereich ist ING IM untergewichtet. Aufgrund der Erholung im produzierenden Gewerbe und der quantitativen Lockerung hält das Haus eine Übergewichtung bei Industriemetallen. Die Übergewichtung bei Edelmetallen besteht allerdings nicht mehr. Nach Einschätzung des Vermögensverwalters könnten die Preise für landwirtschaftliche Produkte demnächst ihren Höchststand erreichen.

Asset-Allokation für Investoren 2013
ING IMs Umfrage unter institutionellen Investoren in Europa ergab, dass mehr Anleger ihr Aktienengagement reduzieren als ausweiten wollen (26 Prozent gegenüber 22 Prozent). Ausserdem wollen die Investoren ihr Engagement bei Immobilien und Rohstoffen insgesamt erhöhen. Im Gegenzug soll das Exposure bei Liquidität und Aktien verringert werden.

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