LGT glaubt nicht an Euro-Austritt Griechenlands

Mikio Kumada, Global Strategist bei LGT Capital Partners
Mikio Kumada, Global Strategist bei LGT Capital Partners

Ende Monat wählen die Griechen ein neues Parlament. Die in Umfragen favorisierte Linkspartei SYRIZA will eine Schuldenentlastung und ein Ende der harten Sparpolitik ausverhandeln - Pläne, die oft als gleichbedeutend mit einem Euro-Austritt angesehen werden. Die nächsten Wochen könnten sich daher als turbulent erweisen - politisch und an den Finanzmärkten. Unter dem Strich stehen die Chancen für eine sinnvolle «europäische Lösung» jedoch gar nicht so schlecht, erklärt Mikio Kumada von LGT Capital Partners.

14.01.2015, 10:02 Uhr

Redaktion: kgh

"Ende Dezember nutzte die griechische Opposition eine verfassungsrechtliche Möglichkeit, vorgezogene Neuwahlen (am 25. Januar) zu erzwingen. Vor dem Hintergrund der turbulenten Entwicklungen nach den letzten Wahlen im Sommer 2012 hat dies erneut Spekulationen über einen griechischen Euro-Austritt («Grexit») und den internationalen Konsequenzen eines solchen Schrittes ausgelöst", erklärt Mikio Kumada, Global Strategist von LGT Capital Partners.

"Betrachten wir zunächst die Eckdaten. Griechenland hat seit Mai 2010 von der Eurogruppe und dem Internationalen Währungsfonds (IWF) rund 243 Mia. Euro an Krediten erhalten (135% des Bruttoinlandsprodukts). Rund 69% dieser Neuschulden flossen in verschiedenen Formen (primär Altschuldentilgung, Zinsen) an die Gläubiger zurück (primär europäische Banken und Staaten sowie IWF). Weitere 20% wurden für die Kapitalisierung der griechischen Banken verwendet. Nur die restlichen 11% dienten der Deckung des (inzwischen ausgeglichenen) primären Haushaltsdefizits - d.h. für «normale» öffentliche Ausgaben. Wenn wir die restlichen Schulden Griechenlands dazurechnen (d.h. im Wesentlichen die 2012 umstrukturierten, marktgehandelten Anleihen), dann beträgt die Gesamtstaatsverschulung rund 320 Mia. Euro, bzw. etwa 174% des BIP. Den Löwenanteil von rund 200 Mia. Euro (62% der Gesamtheit) halten die Staaten der Eurozone - und genau um diesen Teil wird es nach den Wahlen höchstwahrscheinlich gehen."

Griechenlands Schulden sind nicht abzahlbar
"Die Option eines einseitigen Euro-Austritts wird dabei zumindest im Wahlkampf als verhandlungstaktisches Argument hochgespielt. Die enorme Last der Verschuldung wird natürlich von der griechischen Bevölkerung getragen. Nach fünf Jahren Sparpolitik und bei einer Arbeitslosenrate von 26% ist es politisch nachvollziehbar, warum viele Griechen die «Rettungspakete» als einen Hohn empfinden und sich von den etablierten politischen Parteien abwenden. Vergleichbare politische Trends sind auch in Spanien oder Italien beobachtbar. Wirtschaftlich gesehen ist die Sachlage schneller erklärt: Eine derart hohe, primär dem Schuldendienst gewidmete Neuverschuldung kann bei den meisten realistischen Wachstumsannahmen nicht abgetragen werden."

Spielraum für sinnvolle Lösungen vorhanden
"Die Logik der «Rettungspakte» für Griechenland seit 2010 mag solange sinnvoll gewesen sein, solange die Priorität darin bestand, Feuerherde zu löschen, noch grössere Flächenbrände zu verhindern und Zeit für den Aufbau dauerhafter europäischer Mechanismen und Lösungsansätze zu gewinnen. Heute liegen die Schwerpunkte woanders. So dürfte den meisten Beteiligten von Brüssel bis Berlin doch zunehmend klar sein, dass neben langfristig wirkenden Strukturreformen auch die Schuldentragfähigkeit und unmittelbare Wachstumsimpulse wichtig sind - und zwar keinesfalls nur in Bezug auf Griechenland. Der sich abzeichnende, aber unvertraute Linksruck Athens könnte eine politische Dynamik in Europa auslösen, deren Folgen nicht ganz absehbar sind. Sicherlich besteht daher das Risiko grösserer Finanzmarktverwerfungen und Potential für grosse Überraschungen. Selbst ein «Grexit» ist nicht unmöglich - um Wahlkampfrhetorik und nationale Vorurteile und Emotionen bereinigt bleibt diese nicht zwingend notwendige und eigentlich unerwünschte Option aber dennoch extrem unwahrscheinlich. Der Spielraum für sinnvolle Kompromisse ist jedenfalls sicherlich vorhanden. So kann letztlich auch nicht ausgeschlossen werden, dass die Wahlen den Anlass für einen Neuanfang liefern werden - für den Beginn einer Zeit, in der es weniger um Altlasten und Schuldzuweisungen und mehr um zukünftiges Wachstum geht. Davon würde mit Sicherheit ganz Europa profitieren."

«Europäische Lösung» für Hellas bleibt am wahrscheinlichsten
"Unter dem Strich erwarten wir, dass Griechenland unter einer SYRIZA-Regierung im Euro bleibt und in der einen oder anderen Form einen Schuldenentlastung erhält. Dafür könnten Strukturreformen stärker in den Vordergrund rücken. Wir würden dies übrigens grundsätzlich auch im Falle einer Nea Dimokratia-geführten Regierung erwarten. Das Programm der «Troika» (EU, EZB, IWF) ist kurz vor Abschluss, Griechenlands Banken wurden rekapitalisiert und das Land hat es zuletzt sogar geschafft, das höchste BIP-Wachstum der Eurozone auszuweisen. Es weist inzwischen auch einen primären Haushaltsüberschuss und eine positive Leistungsbilanz aus. Generell anerkannt ist auch, dass die Schuldenlast Griechenlands zu hoch ist und extrem investitions- und wachstumshemmend wirkt, während politisch niemand Interesse an neuen Abenteuern mit ungewissem Ausgang hat. So würde es nicht überraschen, wenn die «Troika» und Athen schon bald nach den Wahlen eine vernünftige Gesprächsbasis finden. Aber selbst im schlimmsten Fall würde ein «Grexit» machbar sein, weniger belastend wirken und eine deutliche geringere Ansteckungsgefahr mit sich bringen, als noch 2011 oder 2012. Dies geht primär auf den Europäischen Stabilitätsmechanismus ESM, der einheitlichen Bankenaufsicht SSM sowie dem inzwischen robuster unterlegten «Whatever-it-takes»-Versprechen des EZB-Präsidenten Mario Draghi zurück."

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