Im Zweifel für den Bullenmarkt

Mikio Kumada, Global Strategist bei LGT Capital Partners
Mikio Kumada, Global Strategist bei LGT Capital Partners

Die USA und Japan haben sehr rasch neue Börsenhochs erklommen und selbst das deflationsgeplagte Europa läuft besser als die Schwellenländer. Fundamental sprechen steigende Firmengewinne und Anlageinvestitionen schon länger für eine robuste Hausse. Doch auch das technische Bild ist wichtig erklärt Mikio Kumada, Global Strategist bei LGT Capital Partners: Die Stärke der aktuellen Erholung könnte den "Bären" wieder einmal rasch den Garaus machen und die "Mitläufer" zum Wiedereinstieg in die Märkte zwingen.

05.11.2014, 09:36 Uhr

Redaktion: dab

Die stetige Erholung der Anlageinvestitionen in den USA und Japan sowie deren Stabilisierung (und mögliche Wende) in Europa hatte LGT bereits vor Wochen thematisiert (fondstrends berichtete). Dazu wies LGT immer wieder auf die robuste und zugleich unterschätzte Ertragskraft der Unternehmen in den meisten Industrieländern hin, ebenso wie auf die mehrheitlich rund um den Globus nach wie vor insgesamt konstruktiven konjunkturellen Frühindikatoren.

Alternde Hausse kein Grund zur Sorge
Die Tatsache, dass die Börsenhausse zumindest in den USA langsam etwas in die Jahre kommt, hat LGT ebenso relativiert, wie das Faktum, dass die meisten Aktien nicht mehr so günstig bewertet sind wie noch während der US-Baisse Anfang 2009 oder am Höhepunkt der sogenannten "Eurokrise" zwei Jahre später.

Weiterhin unterschätzte Unternehmensleistungen
Aktien sehen während intakter Haussen natürlich immer etwas "teuer" aus - logischerweise erst recht in Zeiten, in denen die zukünftigen Unternehmensgewinne systematisch unterschätzt werden. Letzteres ist in den USA schon seit Jahren der Fall, in Japan seit 2012 und im letzten Quartal war es endlich auch mal wieder in Europa so.

Japan als Paradebeispiel für die "bullische" Situation
Im Laufe der letzten Tage hat die Berichtssaison zudem einmal mehr bestätigt, dass die Ertragskraft der japanischen Unternehmen weiterhin vergleichsweise deutlich unterschätzt werden. Die "Japan AG", aus einem langen Tal mühsamer Umstrukturierungen kommend, geniesst jetzt den starken Rückenwind einer koordinierten und in sich stimmigen Reflationspolitik in Tokio. So weist Japan, wenig überraschend, seit gut zwei Jahren das welthöchste Gewinnwachstum aus. Der Marktkonsens will das allerdings immer noch nicht ganz glauben - was "Bullen" nur recht ist, wie das "überraschend" starke Kursfeuerwerk in Tokio seit Freitag unterstreicht.

Bewertungen dank Wachstumsausblick unproblematisch
In Nordamerika, Europa und Japan sind die Bewertungen jedenfalls solange grundsätzlich kein Problem, solange die Aussichten unterschätzt werden und es aufgrund der sehr tiefen Nominalzinsen (bzw. negativen Realzinsen) an Alternativen zu Aktien (allgemeiner: Beteiligungen an unternehmerischen Aktivitäten) mangelt. Umgekehrt sind "billige" Börsen solange mit Vorsicht zu geniessen, solange der Ausblick systematisch überschätzt wird, wie es beispielsweise in den Schwellenländern lange der Fall war (siehe PDF, Seite 2).

Technische Analyse: Manchmal wie ein Fähnchen im Wind
Die technische Analyse ist letztlich per Definition eine Disziplin für fundamentale "Agnostiker", die keine ökonomischen Überzeugungen hegen sollten. Der "Techniker" interpretiert das "Verhalten der Anderen", um sich ein Bild über den Markt zu machen. Verändert sich das Anlegerverhalten, ändert sich natürlich auch das technische Urteil über einen Markt. Die Stärke der Börsenerholung seit Mitte Oktober weist jedenfalls darauf hin, dass fundamentale Faktoren im Zweifelsfall die dominierende Kraft darstellen. Seit gut drei Wochen steigen die Aktienindizes wieder kräftig, "Small Caps" laufen besser als "Blue Chips" und die Marktbreite ist wieder im Zunehmen (inzwischen notieren 53% der US-Aktien über ihrem 200-Tage-Durchschnittskurs, nach nur 29% am 15. Oktober). Es könnte also nur eine Frage der Zeit sein, bis sich das technische Gesamtbild wieder grundlegend aufhellt.

Sehr gute globale Berichtssaison Q3/2014
Die Berichtssaison für das dritte Quartal 2014 ist inzwischen so weit fortgeschritten, dass sich das Gesamtbild kaum mehr ändern dürfte. Die Gewinne wachsen in allen Märkten ausser in den Schwellenländern. Die Umsätze wachsen in allen Regionen ausser in der von Deflationsängsten geplanten Eurozone. Das Gewinnwachstum ist zudem ausserhalb der Schwellenländer überall höher als erwartet (am deutlichsten überraschten Europa und Japan). Die Schwellenländer und Asien-Pazifik (ohne Japan) weichen allerdings nicht mehr so stark vom Konsenswert ab, wie in der Vergangenheit (jahrelang waren die Ergebnisse deutlich schwächer als erwartet). Gegenüber dem Vorquartal hat sich das Gesamtbild auf weltweiter Ebene weiter verbessert. Europa, Asien-Pazifik und die Schwelländer hatten im Q2 die Erwartungen zum Teil klar verfehlt. Japans Unternehmen hatten zwar auch im Q2 den Konsens übertroffen, dafür aber einen im Jahresvergleich tieferen Quartalsgewinn ausgewiesen. Im Vergleich dazu war das Q3 also in allen Regionen ausgeglichener und qualitativ besser.

Bank of Japan weitet Wertpapierkaufprogramm deutlich aus
Die nächste Grafik (siehe PDF, Seite 2) zeigt die Bilanzsummen der grossen Notenbanken in Prozent der Gesamtwirtschaftsleistung (BIP). Japans Zentralbank gab erst am vergangenen Freitag "überraschend" die Ausweitung ihres bereits sehr umfangreichen Wertpapierkaufprogramms ("Qualitative and Quantitative Easing") bekannt. Damit soll ein etwaiges Wiederaufkommen deflationärer Erwartungen im Keim zu erstickt werden. Die angestrebte jährliche Geldmengenausweitung beträgt nun 70-80 Bio. Yen (709.5 Mrd. USD), statt wie bisher 60-70 Bio. Gekauft werden mehr langfristige japanische Staatsanleihen, Immobilienaktien und ETFs. Diese Politik soll solange beibehalten werden, bis das Ziel einer jährlichen Inflationsrate von 2% mittelfristig gesichert ist. Auf globaler Ebene wird mit dieser Massnahme der potenzielle Liquiditätsentzug, der sich aus dem gerade am vergangenen Mittwoch beendeten "QE"- Programm der US Federal Research ergeben hätte, mehr als ausgeglichen. Die Entwicklung unterstreicht zudem, wie wichtig Makrofaktoren für das globale Marktgeschehen bleiben. Die Notenbanken können das Preisniveau und die nationale nominale Gesamtwirtschaftsleistung in hohem Masse bestimmen (was sich längerfristig auf das Realwachstum auswirken kann). Das nominale BIP ist die Basis aller Steuereinnahmen, Geschäftserträge und Finanzzahlungen und daher wichtigste Variable für das Finanzsystem.

Lesen Sie hier den vollständigen Marktkommentar von Mikio Kumada (PDF).

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