Gutartige Stabilisierung in Asien

Mikio Kumada, Global Strategist bei LGT Capital Management.
Mikio Kumada, Global Strategist bei LGT Capital Management.

Kurzfristige Datenschwankungen können den Blick auf das Wesentliche vernebeln. So suggerierten jüngste Wirtschaftsstatistiken aus Asien, dass sich China stark erhole, während Japan erneut zu kollabieren drohe. Die Wahrheit ist weniger aufregend und gegensätzlich: Beide Länder bleiben auf dem Pfad der kontrollierten Reform und Stabilisierung, was letztlich zu einem "besseren" und nachhaltigeren Wachstumsgleichgewicht in Asien führen sollte.

20.08.2014, 10:48 Uhr

Redaktion: dab

Am 8. August wurden Chinas Aussenhandelsdaten für Juli veröffentlicht. Die Ausfuhren legten gegenüber Vorjahr 14.5% zu - mehr als doppelt so stark wie im Juni und auch doppelt so hoch wie vom Konsens erwartet. Zugleich sind die Einfuhren aber überraschend eingebrochen - um 1.6% gegenüber dem Vorjahr. Viele Medienberichte rückten diese Daten aber in ein vorteilhaftes Licht. Es wurde betont, dass Chinas Handelsüberschuss ein neues Rekordhoch erreicht hat. Damit könnte auch der seit Jahren stetige Rückgang des Wirtschaftswachstums im "Reich der Mitte" ein Ende gefunden haben.

Stabilisierung auf tieferem Niveau in China
Von einer nachhaltigen Wende in China können wir anhand dieser Daten trotzdem noch nicht sprechen. Ein Blick auf die mittelfristigen Trends offenbart sofort, dass wir bestenfalls eine Stabilisierung auf deutlich tieferem Wachstumsniveau beobachten (siehe PDF Chart 1, Seite 2). Oberflächlich betrachtet mag dieses Urteil nicht besonders positiv klingen - doch es beschreibt keinesfalls eine negative Entwicklung - im Gegenteil. Chinas hat als Volkswirtschaft inzwischen beinahe die Grössenordnung jener des gesamten Euroraums erreicht und kann gar nicht mehr dauerhaft so stark wachsen wie in den vergangenen Jahrzehnten. Es geht in Zukunft nicht mehr um reines, sondern um qualitativ "höherwertiges" Wachstum bzw. um transparentere und nachhaltigere Erträge für Anleger - und dieser Transformationsprozess ist im Gange.

BIP-Einbruch in Japan verschleiert Reflationserfolge
Etwa eine Woche nach den chinesischen Aussenhandelsstatistiken, am 13. August, wurden in Japan die Daten zum Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal publiziert. Die Zahlen wurden mit Spannung erwartet, weil sie den ersten Gesamteindruck der japanischen Konjunktur nach der Konsumsteuererhöhung vom 1. April boten und es Befürchtungen gab, dass die von einer alternden und schrumpfenden Bevölkerung getragene Binnenwirtschaft diese Steuerbelastung nicht verkraften könne. Tatsächlich brach das reale Wirtschaftswachstum im Q2 auf saisonal adjustierter und aufs gesamter Jahr hochgerechneter Basis auch in etwa wie erwartet deutlich ein, nämlich um 6.8%. Entsprechend beunruhigend klangen die meisten Medienschlagzeilen danach. Japan schien in den Zustand des permanenten Rückgangs zurückzufallen.

Erfolgreiche Reflationspolitik auf Kurs
Doch auch hier gilt: Die jüngsten Statistiken widerlegen nicht den Grundzustand der erfolgreichen Reflationspolitik seit Mitte 2012. Die Daten haben bei genauerer Betrachtung erneut bestätigt, dass das primäre Ziel der Stabilisierung des seit den frühen 1990er Jahren deutlich hinter dem Realwachstum hinterherhinkenden Nominalwachstums klar im Visier der Wirtschaftspolitik bleibt. Das nominale BIP ging im Q2 gegenüber Vorquartal nämlich nur um 0.1% zurück - es war damit praktisch stabil (siehe PDF Chart 2, Seite 2). Die meisten Menschen denken nicht in realen sondern in nominalen Dimensionen. Daher kann das nominale Einkommen den wichtigeren Faktor für das zukünftige Konsum- und Investitionsverhalten darstellen. Für Anleger ist das nominale BIP wegen seiner hohen Korrelation mit den Unternehmensgewinnen wichtig. Aus den BIP-Daten lässt sich jedenfalls schliessen, dass die gefürchtete Steuerhöhung in Japan zumindest fürs Erste einmal gut "weggesteckt" wurde, während es für "strukturelle" Verbesserungen auf realer Ebene einfach noch zu früh ist.

Lange Rede, kurzer Sinn: Das Makrobild in Asien bleibt unverändert: In China beobachten wir weiterhin den geordneten Stabilisierungsprozess des Wachstums auf tieferem Niveau, während Japan klar auf seinem kontrollierten und wichtigen Reflationskurs bleibt. Wir sollten auch nicht vergessen, dass es sich in beiden Fällen grundsätzlich um gutartige Entwicklungen handelt, die im Erfolgsfall das Wachstumsgleichgewicht in Asien zum langfristigen Vorteil der Region verbessern werden.

Chinas Aussenhandel im strukturellen Wandel
In der ersten Grafik (siehe PDF) zeigen wir den mittelfristigen Trend der jährlichen Wachstumsraten des Wertes der chinesischen Importe und Exporte in US-Dollar (zwölfmonatige Durchschnittswerte der Wachstumsraten). Die monatlich ausgewiesenen Daten können stark schwanken, doch das Trendbild offenbart ganz klar die Dimension des Wachstumsrückgangs des chinesischen Aussenhandels, von zumeist deutlich mehr als 20% pro Jahr in den Jahren vor der Finanzkrise, auf derzeit weniger als 5%. Bei den Exporten hat sich die Situation seit einem Trendtief im April etwas entspannt. Bei dem Importen wurde erst im Juli das bisherige Rekordtief auf Basis des 12-Monats-Durchschnittswertes erreicht. Von einer evidenten Erholung können wir also noch nicht wirklich sprechen.

Japan: Moderate aber stetige Erholung des nominalen BIP
Seit den 1990er Jahren hat sich die Schere zwischen dem realen und nominalen BIP in Japan enorm aufgetan. Aufgrund der Deflation war Japans BIP-Wachstum fast 20 Jahre lang primär nur auf reale Wohlstandsgewinne zurückzuführen. Die Preise für Güter und Leistungen blieben hingegen rückläufig. Zu den fatalen Nebenwirkungen zählten der stetige Anstieg der realen Schuldenlast des Staates und die Verankerung laufend sinkender Erwartungen der Wirtschaftsakteure. Während das reale BIP-Wachstum mit jenem anderer reiferer Volkswirtschaften in etwa mithalten konnte, notiert Japans nominales BIP heute tiefer als 1994, was weltweit einmalig ist. Seit Mitte 2012 versucht Tokios Wirtschaftspolitik, diese Schere wieder zu schliessen. Die deflationäre Erwartungshaltung soll gebrochen werden, um "riskante" Aktivitäten wie etwa Immobilien- und Kapitalgüterinvestitionen und die private Kreditvergabe zu fördern bzw. die realen finanziellen Anreize für deren Nichttätigung zu eliminieren. Tatsächlich erholt sich das nominale BIP seit seitdem in bescheidenem, aber stetigen Masse. Der Rückgang des nominalen BIP im Q2 war minimal (-0.1% gegenüber Vorquartal, saisonal adjustiert, nicht annualisierte Veränderungsrate).

Lesen Sie hier den vollständigen Kommentar von Mikio Kumada, Global Strategist von LGT Capital Management.

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