Nicht alle grünen Anleihen sind gleich grün

Vorbildlich sind laut MFS Investment Management Emittenten, die klar beschreiben, wozu der Anleihenerlös nicht verwendet wird. (Bild: Shutterstock.com/3000ad)
Vorbildlich sind laut MFS Investment Management Emittenten, die klar beschreiben, wozu der Anleihenerlös nicht verwendet wird. (Bild: Shutterstock.com/3000ad)

Die meisten Dinge im Leben sind nicht schwarz oder weiss, sondern irgendetwas dazwischen. Das gilt auch für grüne Anleihen. Einige erfüllen höchste Standards, andere nicht. Es gibt teils erhebliche Unterschiede zwischen den Emittenten, etwa bei der Verwendung der Erlöse oder der Berichterstattung über die Wirkung der Anleihe, analysiert der US-Asset-Manager MFS.

07.12.2021, 11:33 Uhr

Redaktion: hf

Wegen der hohen Nachfrage ist der Markt für Green Bonds erheblich gewachsen. Grüne Anleihen fördern den grundlegenden Wandel, der nötig ist, um den Klimawandel aufzuhalten. Das Anlegerinteresse an der Assetklasse ist gross – so gross, dass häufig Aufschläge gezahlt werden.

Investoren sind nach einer Schätzung von Morgan Stanley bereit, auf fünf bis zehn Basispunkte Rendite gegenüber vergleichbaren traditionellen Papieren zu verzichten (vgl. Abbildung).

Green Bonds klingen nach Win-win. Unternehmen und andere Emittenten haben günstigen Zugang zu Kapital, das sie so einsetzen, dass der Planet lebenswert bleibt. Sie finanzieren Projekte, die Umweltschäden verringern oder beseitigen."Grüne Anleihen sind eine grossartige Innovation", betont MFS Investment Management, warnt aber gleichzeitig, dass sie nicht immer halten, was sie versprechen: "Nicht allen Emittenten ist Nachhaltigkeit gleich wichtig, und nicht alle haben strenge Richtlinien oder eine klare Dokumentation."

Grüne und andere Themenanleihen

Quelle: Bloomberg, Stand 31. Dezember 2020
Quelle: Bloomberg, Stand 31. Dezember 2020

Grundsätzlich sollen Green Bonds die Finanzierung klimafreundlicher Projekte unterstützen, aber manche Emittenten hätten selbst eine schlechte Umweltbilanz. "Die Platzierung einer grünen Anleihe macht ein Unternehmen nicht automatisch nachhaltig", so MFS. Deshalb seien wesentliche ESG-Risiken zu betrachten.

Jedoch seien auch das nur Teile des grossen Ganzen. Sie müssten im Zusammenhang mit einer eingehenden fundamentalen, bewertungsbezogenen und technischen Prüfung gesehen werden, führen die Autoren Pilar Gomez-Bravo und Robert M. Hall in ihrer Analyse aus.

Das Kleingedruckte lesen

Die Anleihendokumentation sei sehr genau zu prüfen. Da gebe es teils erhebliche Unterschiede zwischen den Emittenten, beispielsweise bei der Verwendung der Erlöse oder der Qualität der Berichterstattung über die Wirkung grüner Anleihen.

Am Beispiel von MFS tauschen sich die internationalen Analysten darüber aus, welche Emittenten höchste Dokumentationsstandards einhalten, etwa zur Zweckbindung der Erlöse. "Als besonders gut gelten Emittenten, die eindeutig beschreiben, wozu die Anleihenerlöse keinesfalls genutzt werden", so die Experten.

Die "Caveat emptor"-Rhetorik (möge der Käufer sich in Acht nehmen) möge ähnlich sein, aber die Unterschiede zwischen Green-Bond Emittenten sei erheblich. "Sie haben verschiedene Richtlinien, und vor allem sind nicht alle bereit, umfassend zu berichten, wie sie die von ihnen finanzierten Projekte kontrollieren, und ihre Kontrollergebnisse offenzulegen." Die Richtlinien und die damit verbundenen Kontrollverpflichtungen untersuchen und sich bei den Emittenten engagieren, um Entwicklung und Umsetzung von klaren Nachhaltigkeitsvorgaben zu fördern, ist MFS zufolge das Rezept, um Enttäuschungen vorzubeugen.

Sind die richtigen Anreize gesetzt?

Wer Green Bonds begibt, muss bestimmte ESG-Ziele in einem vorab festgelegten Zeitraum erfüllen oder seinen Gläubigern einen höheren Coupon zahlen. Die Bedingungen sind unterschiedlich streng, aber die Emittenten werden zur Kasse gebeten, wenn es ihnen beispielsweise nicht gelingt, Treibhausgasemissionen zu reduzieren oder die Diversität zu verbessern, betonen die Experten.

In manchen Fällen seien die Anforderungen zu gering oder würden an schwer messbaren Kennziffern festgemacht. Auch da sei es wichtig, sich bei den Emittenten für klar definierte, ambitionierte und objektiv überprüfbare Ziele zu engagieren.

"Statt den Gläubigern höhere Coupons zahlen zu müssen, wenn das Unternehmen seine Nachhaltigkeitsziele nicht erreicht, wäre es angemessener, die Coupons zu senken, wenn besonders ehrgeizige Nachhaltigkeitsziele erreicht werden: Belohnung statt Bestrafung." Der Emittent würde mit geringeren Finanzierungskosten belohnt, und die Anleger könnten sicher sein, besonders nachhaltigen investiert zu haben.

Nicht von Labels blenden lassen

Auch bei Anleihen mit einem "grünen Label" hält MFS Investment Management somit eine eingehende Analysen für sinnvoll: Welchen ESG Risiken ist der Emittent ausgesetzt, wie relevant sind diese Risiken, erhält der Investor für sie einen angemessenen Ausgleich?

"Wir sind überzeugt, dass ein integrierter, auf Engagement ausgerichteter ESG-Ansatz einen zeitnahen Wandel hin zu einer nachhaltigeren Welt fördert", folgert das US-Investmenthaus. Das spreche auch für einen aktiven langfristigen Ansatz, "der nicht nur auf Ausschlüssen oder passiven Anlagen in Green Bonds beruht, sondern auch die fundamentale Kreditwürdigkeit eines Emittenten sowie dessen ESG-Gesamtkonzept berücksichtigt."

Weil viele Emittenten möglichst schnell als nachhaltig gelten wollen und deshalb "Emittenten-Latein" drohe, sollten Vermögensverwalter einen umsichtigen, disziplinierten Prozess verfolgen, der zu einer verantwortungsvollen Kapitalallokation führt.

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