Europäische Small und Mid Caps beweisen Resilienz in der Krise

Der Healthcare-Sektor konnte seine Resilienz gegenüber Marktunsicherheiten seit 2018 unter Beweis stellen und zeigt in der Corona-Krise grosse Immunität. (Bild: Shutterstock.com/sfam_foto)
Der Healthcare-Sektor konnte seine Resilienz gegenüber Marktunsicherheiten seit 2018 unter Beweis stellen und zeigt in der Corona-Krise grosse Immunität. (Bild: Shutterstock.com/sfam_foto)

Die Ausbreitung des Coronavirus hat die Weltwirtschaft brutal erschüttert. Kleine und mittlere europäische Unternehmen, darunter auch viele eigentümergeführte, könnten gestärkt aus der Krise hervorgehen, meint Birgitte Olsen von Bellevue Asset Management. Eine besonders starke Resilienz in der Corona-Krise zeige der Healthcare-Sektor.

14.06.2020, 07:00 Uhr

Redaktion: rem

"Europäische Small und Mid Caps waren historisch immer wieder in der Lage, eine konsistente Outperformance zu generieren. Begünstigt wurde dies von ihrer Fähigkeit, überdurchschnittlich und profitabel zu wachsen. Dies stellt auch im derzeit von tiefen Zinsen und niedrigem Wirtschaftswachstum geprägten Marktumfeld ein attraktives Merkmal dar", sagt Birgitte Olsen, Lead Portfolio Manager des BB Entrepreneur Europe Small Fonds bei Bellevue Asset Management.

In der aktuellen Corona-Krise befänden sich europäische Small und Mid Caps vergleichsweise in einer besseren Situation, hauptsächlich dank ihrer soliden Bilanzen, geringeren Verschuldung und historisch ausgeprägtem Kostenbewusstsein. Unabhängig davon, ob die Wirtschaftserholung einen V- oder U-Verlauf aufweise, dürften diese Unternehmen ihr starkes Ertragswachstum fortsetzen und ihre flexiblere Handlungsfähigkeit unter Beweis stellen - was sich letztlich in einer positiven Kursentwicklung widerspiegeln sollte, so Olsen.

Der Markt erfährt gegenwärtig einen starken Rebound, nichtsdestotrotz sollten Anleger in Bezug auf Qualität keine Kompromisse eingehen, betont die Portfolio Managerin. Es bleibe wichtig, das Augenmerk auf Bilanzqualität und Cashflow-Generierung zu richten, denn nur wer vor der Krise stark aufgestellt war, werde in der Lage sein, seinen schwachen Wettbewerbern den Rang abzulaufen und als Gewinner hervorzugehen. In direktem Bezug zur Coronakrise stehen laut Olsen folgende Fragen im Mittelpunkt: Wie wird sich die Nachfrage in der Post-Corona-Ära entwickeln? Investieren Unternehmen weiter, um ihre Wachstumsstrategie umzusetzen?

"Hoch verschuldete Firmen kommen vor diesem Hintergrund für Investments nicht in Frage. Denn das Sichern von Kreditlinien, das Aufstellen von Ad-hoc-Kostensenkungsmassnahmen und Gedanken rund um Cash-Erhaltung beherrschen die Agenda und lenken von der Strategieumsetzung ab. Die aktuelle Lage spricht für Unternehmen mit kleiner und mittlerer Marktkapitalisierung und insbesondere für eigentümergeführte Firmen, die historisch immer schon sehr viel konservativer finanziert sind. In diesem Segment verfügen viele sogar über erhebliche Nettoliquidität, was ihnen zusätzliche Freiräume in Bezug auf Investitionen und M&A sichert", erklärt Olsen.

Erhebliche Widerstandsfähigkeit im Gesundheitssektor

Eines der entscheidenden Kriterien für die Titelselektion sei und bleibe die Bewertung. Die Diskrepanz zwischen Value und Growth sei grösser geworden, da sich die Prämie für Wachstumsaktien erhöht habe. Davon hätten neben Technologieunternehmen auch Healthcare-Titel profitiert. "Der Sektor konnte seine Resilienz gegenüber Marktunsicherheiten seit 2018 unter Beweis stellen und zeigt in der Corona-Krise grosse Immunität, was der Markt mit einer deutlichen Outperformance belohnt hat", sagt Olsen und nennt einige Beispiele:

Arjo, ein dänischer Zulieferer und Dienstleister für Altersheime und Spitäler, kann als einer der führenden europäischen Produzenten von Krankenhausbetten auf eine erhöhte Nachfrage zurückblicken. Auch zukünftig bleibe die Frage nach ausreichender Gesundheitsinfrastruktur ein wichtiges Thema für die öffentliche Hand. Vielversprechend sei zusätzlich die neue Produktentwicklung Wound Express, eine Manschette für offene Wunden, die bei älteren Patienten nur schwer oder gar nicht mehr heilen. "Mit dieser Innovation rückt Arjo in den Medtechbereich vor und ist Anwärter auf eine höhere Bewertung", so die Portfolio Managerin.

Im Technologiesektor bietet S&T ein interessantes Profil. Der österreichische IT-Dienstleister ist Spezialist für Lösungen im Bereich "Internet of Things" für eine Reihe von Sektoren wie Industrie, Transport und Energie, aber auch Medizin und Kommunikation. Der Ausblick für 2020 sei intakt, somit dürften das stetige Wachstum, die Margenverbesserung und die aktive M&A-Strategie langfristig zu einer Neubewertung führen, meint Olsen.

Starke Industrieunternehmen in der Nische

Gute Opportunitäten im Segment der eigentümergeführten Unternehmen bieten ihrer Meinung nach Industrieunternehmen, die spezifische Nischen bedienen. Der Batteriehersteller Varta etwa ist weltweit führend im Bereich Miniaturbatterien und dürfte vom strukturellen Trend zu kleineren Anwendungen wie Hörgeräten und kabellosen Kopfhörern profitieren. Dabei helfen laut der Expertin neben dem spürbaren Ertragswachstum auch der starke Cashflow sowie die Ausweitung der Investitionen in zusätzliche Kapazitäten.

Invisio wiederum ist globaler Marktleader für Kommunikations- und Hörschutzsysteme in anspruchsvoller Umgebung. Der Marktanteil bei Spezial-Headsets für Polizei und Militär liegt bei 99% und die bisherige Penetration unter 10%. "Die Corona-Krise wirkte sich bislang gar nicht auf das diesjährige Geschäft aus und wir rechnen mit einer Umsatzsteigerung in den kommenden drei Jahren von >20% per annum. Die in Schweden ansässige Firma wird nun die Früchte der zurückliegenden Investitionen ernten und bietet weiteres Kurspotenzial in den nächsten Quartalen", erwartet Olsen.

Europäische Aktien weit abgeschlagen

Wie die Portfolio Managerin weiter ausführt, sind europäische Aktien verglichen mit den US-Indizes weit abgeschlagen. Daran habe der relativ gute Umgang mit der Pandemie hierzulande auch nichts ändern können. "Die massiven Stimuli-Programme seitens Regierungen und Zentralbanken bieten Aktien eine Unterstützung und haben die Märkte seit Mitte März positiver gestimmt. Der von Merkel und Macron mit 750 Mrd. Euro dotierte Recovery Fund könnte sogar als Fundament für eine bessere und solidarische Europäische Union dienen. Dies war der Auslöser einer Rotation in Nebenwerte und angeschlagene zyklischere Werte, was seit Ende April zu einer leichten europäischen Outperformance geführt hat", so Olsen.

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