"Euro-Aktien können kurzfristig outperformen"

Euro-Aktien sind bei ausländischen Investoren wenig beliebt.
Euro-Aktien sind bei ausländischen Investoren wenig beliebt.

Alles, was einem geordneten Brexit nahekommt, wäre ein wichtiges Argument dafür, warum ausländische Investoren die europäische Region wieder für investierbar halten könnten. Dies schreibt Koen Bosquet von Degroof Petercam in seinem Marktkommentar zur Situation der Euro-Aktien.

16.10.2019, 10:07 Uhr

Redaktion: lek

Aus taktischer Sicht seien Euro-Aktien unbeliebt, insbesondere bei ausländischen Investoren, sagt Koen Bosquet, Fondsmanager des Degroof Petercam AM (DPAM) Invest B Equities Euroland. Die Region wird häufig als eine Wertfalle (Value Trap) angesehen. Die Bewertungen sehen zunächst attraktiv aus, aber in der Regel enttäuscht das Gewinnwachstum aufgrund von Faktoren wie Regulierung, politische Instabilität und zurückgehaltene Investitionen.

Euro-Aktien brauchen geregelten Brexit und ein Handelsabkommen

"Kurzfristig können Euro-Aktien dennoch outperformen. Dazu bräuchte es vor allem einen auf der Zielgerade doch noch geregelten Ausstieg Grossbritanniens aus der EU", sagt Bosquet. Ein weiterer Faktor, der Euro-Aktien Rückenwind geben würde, wäre ein Handelsabkommen zwischen China und den USA. Auch wenn es nur in Teilen zustande käme, würde es wahrscheinlich den verarbeitenden Teil der Weltwirtschaft wiederbeleben, der zurzeit jede Erholung verhindert.

"In diesem Fall würden wir eine globale Rallye von unterbewerteten Titeln erleben", erklärt der Fondsmanager weiter. Angesichts ihrer Zusammensetzung würden Euro-Indizes insgesamt eine Outperformance erzielen. Ein gutes Beispiel ist für Bosquet der Automobilsektor: Auf die eine oder andere Weise stehen viele europäische Unternehmen mit der Automobilindustrie in Verbindung. Das gleiche gilt für die Beziehung zu den Schwellenländern. Auch hier würde ein Handelsabkommen - zusammen mit einer noch stärkeren Abschwächung des US-Dollars - europäische Aktien unterstützen.

Regulierungen und tiefe Zinsen als Negativfaktor

Ein weiteres Beispiel seien die Banken, die in den Indizes in Europa noch immer ein Schwergewicht bilden, meint Bosquet. Sie wurden durch verschiedene Faktoren, wie negative Zinsen, starke Regulierung und neue digitale Wettbewerber stark beeinträchtigt. Allerdings werden einige von ihnen – angesichts der Bewertungen und des Potenzials, hohe Dividenden zahlen zu können – kurzfristig eine relativ bessere Performance erzielen.

Bosquet sagt: "Längerfristig ist der Case für Euro-Aktien deutlich schwieriger, da einige der strukturellen Gegenwinde erst umgekehrt werden müssten. Ausserdem neigen europäische Unternehmen tendenziell stärker dazu, von Disruption betroffen zu sein, anstatt diese selbst auszulösen. Positive Impulse sind hingegen von wieder steigenden Staatsausgaben zu erwarten. Nach Jahren der Sparpolitik gibt es erste Anzeichen für zukünftig höhere öffentliche Ausgaben. Aber die derzeit auf dem Tisch liegenden Budgets sind zu zaghaft, um bedeutende Auswirkungen erzielen zu können."

Nachhaltige und zukunftsorientierte Unternehmen haben Potenzial

Sparen gilt als charakteristisch für die nordeuropäische Kultur, also wird es Zeit brauchen. Für Bosquet ist klar, dass die Finanzpolitik Investitionen zur Bekämpfung des Klimawandels unterstützen wird. Dies bietet Investitionsmöglichkeiten, da viele europäische Unternehmen sich schon früh mit grüner Technologie beschäftigt haben. Einige der traditionellen Versorger oder andere Energieunternehmen könnten nach Einschätzung des Experten die überraschenden Gewinner sein.

Grosse Indizes seien nicht die einzige Möglichkeit, in europäische oder Euro-Aktien zu investieren, ist Bosquet überzeugt. Es gebe viele Bereiche des Anlageuniversums, die genau das Gegenteil einer Wertfalle darstellen. Zukunftsorientierte Unternehmen mit globaler Reichweite sind auch in Europa zu finden. SAP (Deutschland) und ASML (Niederlande) nennt Koen Bosquet in seinem Kommentar als hervorragende Beispiele.

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