Energiesektor belastet die Schwellenländer

Mikio Kumada, Global Strategist bei LGT Capital Partners
Mikio Kumada, Global Strategist bei LGT Capital Partners

Der Einbruch der Ölpreise hat die relevanten Branchen weltweit belastet. Die tiefsten Spuren hinterliess diese Entwicklung jedoch in den Schwellenländern, wo das Rohstoffgeschäft ein relativ hohes wirtschaftliches Gewicht hat. Natürlich gab es insbesondere in Asien auch "Ölbaisseprofiteure" – z.B. in Sektoren wie Technologie, Logistik und Versorger. Insgesamt hat die aktuelle Berichtssaison in den Emerging Markets (EM) aber die Konsenserwartungen erneut verfehlt, erklärt Mikio Kumada von LGT Capital Partners.

11.02.2015, 15:13 Uhr

Redaktion: kgh

"Die Berichtssaison für das vierte Quartal 2014 hat inzwischen die Schwellenländer erreicht. Bisher wurde etwa ein Drittel der Ergebnisse publiziert", sagt Mikio Kumada. "Das Gesamtbild ist eher enttäuschend und bekräftigt die Notwendigkeit einer differenzierten Betrachtung dieses vielfältigen globalen Marktsegments. Trotz reduzierter Wachstumserwartungen war aggregierte Gewinnwachstum der Unternehmen in diesen Regionen (wieder) rückläufig – und zwar sowohl in den EM als auch in Asien-Pazifik (ohne Japan)."

Emerging Markets unterbieten erneut die Erwartungen
"Die Erwartungen gegenüber Firmen aus diesen Regionen sind unter dem Strich immer noch zu hoch, wenn auch nicht mehr so überhöht wie noch vor wenigen Jahren. Im Gegensatz dazu wachsen die Gewinne in den 'alten' Industrieländern, wie im letzten LGT Beacon erwähnt, weiter mit höher als erwartetem Tempo. Während die Developed Markets im Q4 die Gewinnschätzungen nach aktualisierten Daten um 5% (USA, Japan) bis 8.5% (Eurozone) übertreffen konnten, ist der Gewinn-je-Aktie (EPS) in den EM-und Asien-Indizes von MSCI einmal mehr tiefer als erwartet ausgefallen. Die BRICS - d.h. Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika - haben den Konsens um 5.5% unterboten und die EM blieben 13% hinter der Analystenschätzung. In Asien Pazifik ohne Japan sind die EPS knapp 11% tiefer als erwartet ausgefallen"

Überhöhte Erwartungen und Gewicht des Energiesektors
"Ein Grund dafür ist das hohe Gewicht rohstoffsensitiver Branchen in diesen Regionen. Die Energie- und Grundstoffsektoren repräsentieren in Asien-Pazifik fast 17% und in den BRICS sogar annähernd 26% der Gesamtmarkkapitalisierung, im Vergleich zu 11% in den USA und der Eurozone und nur 7% in Japan. Zugleich waren aber auch die Konsensschätzungen für diese Branchen in den Schwellenländern einfach immer noch zu hoch. Das muss selbst in einer Ölbaisse nicht so sein: In den USA übertraf der Energiesektor den Konsens um 11.1% – und lieferte damit auf Sektorebene die deutlichste Überraschung der Saison. Der Subsektor Energieausrüstungen und Energiedienstleistungen wies sogar ein unerwartet hohes Gewinnwachstum von 18% gegenüber Vorjahr aus. Der wahre Grund sind also die überhöhten Erwartungen gegenüber den EM – ein Muster, das wir schon einigen Jahren beobachten"

Auch in den Schwellenländern gibt es allerdings Lichtblicke
"Natürlich gab es auch in den EM positive Überraschungen: In den Sektoren Informationstechnologie, Industrie (insbesondere maritime Logistik) und Versorger war das EPS-Wachstum höher als erwartet (siehe PDF, Seite 2). Das sind natürlich die Branchen, die vom starken US-Dollar und der Erholung der US-Konjunktur sowie den tieferen Energiekosten besonders profitieren können. Im Technologiebereich konnten – dies nicht allzu überraschend – die asiatischen Unternehmen überzeugen. Das Wachstum der IT-Branche in Asien-Pazifik war schliesslich mit knapp 92% annähernd doppelt so hoch wie im EM-Schnitt"

Insgesamt bleibt Vorsicht gegenüber Schwellenländern-Aktien angebracht
"Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Gewinnerwartungen gegenüber den Schwellenländer im weitesten Sinn noch nicht so tief gesunken sind, um ausreichend Raum für positive Überraschungen zu bieten – was häufig eine wichtige Vorbedingung für eine dauerhafte Aktienrallye darstellt. Nach mehreren Jahren der relativen Schwäche gegenüber den Aktienmärkten der USA und anderer Industrieländer können wir zwischendurch sicherlich immer wieder mit «technischen» oder «spekulativen» Erholungen in den EM rechnen. Solange sich die Ertragsleistungen der Schwellenländerunternehmen aber nicht wirklich auf breiter Basis überzeugend verbessern, werden die Industrieländerbörsen ihren Performancevorteil aber wahrscheinlich weiterhin verteidigen können."

Gemischte Ergebnisse aus den Schwellenländern und Asien
"Die rohstoffnahen Industriesektoren Energie und Grundstoffe haben in den Schwellenländern und Asien generell einen deutlich grösseren Anteil an der Marktkapitalisierung der jeweiligen Börsenindizes. Daher war mit dem Einbruch des Ölpreises um rund 40% im vierten Quartal 2014 von vornherein klar, dass diese Börsen entsprechend härter belastet werden würden. Dazu kommt aber, dass die Branchenunternehmen in den EM und Asien auch in stärker als befürchtetem Ausmass belastet wurden (während sie in den USA und der Eurozone die Erwartungen übertreffen konnten). Das ist ein Hinweis, dass die EM tendenziell immer noch überschätzt werden, während der Konsens gegenüber den «alten» Industrieländern weiterhin zu konservativen Schätzungen neigt. Das spricht grundsätzlich für Industrieländeraktien, weil es mehr Raum für positive Überraschungen zulässt."

Emerging Markets: Nur wenige Branchen überzeugen
"Obwohl vier EM-Sektoren zum Teil sehr hohe EPS-Wachstumsraten auswiesen, bleibt das Gesamtbild doch durchmischt. Letztlich konnten nur zwei Branchen die Erwartungen einigermassen klar übertreffen (IT und Industrie, wobei die positiven Überraschungen hier auf den Bereich maritime Logistik konzentriert sind, siehe PDF, Seite 2). Wenn wir die Energie- und Grundstoffsektoren herausrechnen, wuchsen die EPS zwar um auf den ersten Blick ansehnliche 11.5% – doch auch das liegt knapp 7% unter dem Konsenswert."

Asien-Pazifik: Industrie- und Technologiesektoren sind interessant
"Auf den ersten Blick ähnlich ist auch das Bild in Asien-Pazifik. Auf den zweiten Blick sieht man, dass die Branchen Industrie, IT und Versorger in Asien deutlich besser laufen und mit den Ergebnissen im Westen und Japan mithalten konnten (vgl. letztwöchiger LGT Beacon). Ohne den Energie- und Grundstoffsektor wuchsen die EPS in Asien-Pazifik um 29.3% und übertrafen damit den Konsenswert um knapp 2.6%. Auf dieser Ebene sind die Ergebnisse aus Asien sogar besser als jene in den USA, Europa und Japan."

Weitere Grafiken zum Marktkommentar finden Sie auf den Seiten 2 bis 4 im PDF: Energiesektor belastet die Schwellenländer

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