Die Finanzmärkte bewegen sich wie eine Flipperkugel

Je nach den weltpolitischen Entwicklungen, verhält sich die "Flipperkugel" der Finanzmärkte unterschiedlich. (Bild: Shutterstock.com/Atmosphere1)
Je nach den weltpolitischen Entwicklungen, verhält sich die "Flipperkugel" der Finanzmärkte unterschiedlich. (Bild: Shutterstock.com/Atmosphere1)

Angesichts einer Flut widersprüchlicher Nachrichten scheint an den Finanzmärkten ein neuer Investmentstil entstanden zu sein: der "Flipper-Stil". Es zeichnet sich ab, dass die Märkte auf die nächsten Tweets und Nachrichten wie eine Flipperkugel in beide Richtungen reagieren könnten. Doch während die Nachrichtenlage ausgeglichen ist, verhält sich die Risiko/Ertrags-Relation asymmetrisch.

06.11.2019, 05:00 Uhr

Redaktion: lek

Angesichts dieser Flut wechselhafter Nachrichten – Brexit, Handelskonflikt, Amtsenthebungsverfahren des US-Präsidenten, etc. – scheint an den Finanzmärkten ein neuer Investmentstil entstanden zu sein: Flipper. "Vergessen Sie die erschöpfende Diskussion um Value versus Growth und Momentum in den letzten Wochen – angesagt ist nun der brandneue Flipper-Investmentstil. Angesichts entgegengesetzter Szenarien haben die Finanzmärkte auf neue Nachrichten jeweils so reagiert, wie dies zum gegebenen Zeitpunkt sinnvoll war. Bei positiven Nachrichten zum Handelsabkommen stiegen die Aktienkurse und riskante Assets entwickelten sich überdurchschnittlich. Bei negativen Nachrichten dagegen gaben Aktien nach und die Marktteilnehmer verhielten sich defensiver", erklärt Fabiana Fedeli, Global Head of Fundamental Equities und Portfolio Manager im Emerging Markets Equities Team bei Robeco, den neuen Stil.

Das weltweite Wachstum der Wirtschaft stockt

Deutlich wurde dieses Muster in der Richtung der Marktentwicklung seit Anfang September, als die Wiederaufnahme der Handelsgespräche angekündigt wurde, schreibt die Expertin in ihrem Marktkommentar. Seither hat sich der US-Aktienmarkt schwächer entwickelt als die Börsen in Japan, Europa und den Schwellenländern. Gleichzeitig hat der Anlagestil Value in allen diesen Regionen ein Comeback erlebt. Zwar war die Outperformance von Value-Aktien im September ausgeprägter, doch blieb sie auch im Oktober bestehen. Die Rotation vom Anlagestil Momentum hin zu Value im September fiel vor allem in den USA drastisch aus. Fedeli meint: "Dies war zu erwarten, da sich die Korrelation zwischen Value und Momentum in der Nähe eines 30-Jahrestiefs befindet, wonach Value-Aktien extrem überverkauft erscheinen."

Doch weder die Outperformance des Anlagestils Value noch die der Aktienmärkte ausserhalb der USA sind für die Portfoliomanagerin von Robeco sonderlich überzeugend. Das ist kaum überraschend, da sich das Wachstum der Weltwirtschaft und die Unternehmensgewinne weiter verschlechtern. So ist es in allen wichtigen Regionen zu verstärkten Abwärtsrevisionen der Gewinnschätzungen gekommen. Da weder Value-Titel noch Aktien aus Regionen ausserhalb der USA eine überzeugende Outperformance zeigen, sind erst noch Verbesserungen auf der Makroebene abzuwarten – oder zumindest einige positive Nachrichten in Bezug auf den Handelskonflikt, die eine Aufhellung des makroökonomischen Umfelds wahrscheinlicher machen.

Anleger sind bereit für einen Wandel

In dieser wechselhaften Stimmungslage haben die jüngsten Entwicklungen an den Märkten jedoch eines gezeigt: die Anleger sind bereit für einen Wandel. Sie brauchen lediglich einen Anlass dafür. Fedeli geht davon aus, dass eine zweite Phase eines Handelsabkommens wahrscheinlich die Märkte in den Schwellenländern und in Japan weiter befeuern würde. Sofern der Brexit nicht in einem Chaos endet, würden auch die europäischen Märkte folgen. Aktien aus den USA würden demgegenüber schwächer abschneiden und innerhalb der einzelnen Märkte würden risikobereite Strategien einschliesslich der Ausrichtung auf Value und zyklische Titel wieder bevorzugt.

"Natürlich würde ohne eine Lösung oder bei einem erheblichen Rückschlag in den Verhandlungen zwischen den USA und China – zum Beispiel in Form einer Wiederaufnahme der geplanten Einfuhrzölle – die Risikoscheu an den Märkten wieder die Oberhand gewinnen. Dann würden globale Aktien schwächer abschneiden als andere Anlageklassen und innerhalb des Aktiensegments wären wahrscheinlich die US-Börse und andere eher defensive Segmente sehr wahrscheinlich im Vorteil", prognostiziert Fabiana Fedeli.

Niemand weiss, wohin die Flipperkugel rollt

Es zeichnet sich ab, dass die Märkte auf die nächsten Tweets und Nachrichten wie eine Flipperkugel in beide Richtungen reagieren könnten. Doch während die Nachrichtenlage laut Fedeli 50 zu 50 stehen dürfte, ist die Risiko/Ertrags-Relation asymmetrisch. Ausserhalb der USA spiegeln die Börsen bereits ein erhebliches Mass an Unsicherheit wider. Zudem rechtfertigt das Gewinnwachstum, beziehungsweise dessen Fehlen, nicht die starken Unterschiede in den Bewertungen. In den Schwellenländern beispielsweise liegt das durchschnittliche erwartete Gewinnwachstum für 2019 bei 2,3% und das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) bei 13,2. Dem stehen Werte von 2,3% und18,6 in den USA gegenüber. In Japan und Europa wird ein Gewinnrückgang von 0,9% bzw. ein Anstieg um 1,3% erwartet. Die jeweiligen KGV liegen bei 13,7 bzw. 14,8. Eine weiterhin negative Entwicklung im Handelskonflikt oder im Hinblick auf Grossbritannien und Europa beim Brexit würde wahrscheinlich eine negative Kursreaktion auslösen. Doch erscheint das Aufwärtspotential, das bei positiven Nachrichten realisiert würde, zum gegenwärtigen Zeitpunkt weit grösser.

Fedeli erklärt: "Zum derzeitigen Zeitpunkt wissen wir aber nicht, ob es in nächster Zeit ein Handelsabkommen gibt. Was wir sagen können, ist, dass sich der Markttrend wie eine Flipperkugel abrupt in die eine oder andere Richtung wenden kann. Man muss kaum betonen, dass auch ein Handelsabkommen nicht die strategischen Spannungen beseitigt, die wahrscheinlich langfristig zwischen den USA und China bestehen. Sie dürften auf absehbare Zeit anhalten, da der Wettbewerb zwischen den beiden Ländern und die Technologiesicherheit langfristige Themen sind."

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