Der staatlichen Geldspritze verfallen?

Ad van Tiggelen, Senior Investment Specialist, Investment Content Management bei ING Investment Management, Den Haag
Ad van Tiggelen, Senior Investment Specialist, Investment Content Management bei ING Investment Management, Den Haag

Die Ankündigung der EZB, den angeschlagenen Schuldenländern auf Wunsch „unbegrenzte“ Hilfe zu gewähren, wurde von den Finanzmärkten mit Begeisterung aufgenommen. Dieser für die Euro-Rettung unerlässliche Schritt bestätigte die zunehmende Rolle der Zentralbanken als „Lender of Last Resort“. Doch gleichzeitig muss man sich fragen: Wird die Notenpresse jetzt zur Droge?

14.09.2012, 09:09 Uhr

Redaktion: sek


Es spricht einiges dafür, dass der weltweite Konjunkturabschwung weniger ein zyklisches, als vielmehr ein strukturelles Problem ist. Hohe Verschuldung und ungünstige demografische Entwicklung könnten das Wachstum über Jahre hinweg unter die Trendrate drücken. Andererseits darf man menschliche Anpassungsfähigkeit und Ideenreichtum niemals unterschätzen. Das begrenzte Angebot an konventionellen Methoden zur Behandlung des Patienten – also eine weitere Senkung der Zinsen bzw. Steuern – lässt den geldpolitischen Instanzen mittlerweile kaum mehr eine andere Wahl, als die Notenpresse anzuwerfen.

In den vergangenen Jahren nahmen die Finanzmärkte jede weitere Liquiditätsspritze mit grosser Begeisterung auf. Diese Phasen der Euphorie wurden allerdings immer kürzer, der Ruf nach weiteren Spritzen immer lauter. Mit anderen Worten: Die Droge wirkt, doch sie macht süchtig. Wann immer ein neuer Schuss gesetzt wurde, schnitten vor allem die risikoreichen Assets – allen voran die Finanztitel – überdurchschnittlich ab. Doch zugleich sind sich die Anleger der möglichen Nebenwirkungen zunehmend bewusst. So war in den vergangenen zwölf Monaten eine sehr starke Korrelation zwischen der relativen Wertentwicklung globaler Finanztitel und dem Preis von Gold zu beobachten. Wann immer die Aktienkurse von Banken und Versicherungen in die Höhe schossen, dann tat das auch der Preis für Gold. Und umgekehrt. Das ist nachvollziehbar: Mit jeder neuen Liquiditätsspritze sinken die Risiken der Finanzinstitute, während das wahrgenommene künftige Inflationsrisiko steigt.

Droge in unbegrenzter Menge
Mit der jüngsten Ankündigung der EZB kam ein neues Element ins Spiel. Ab jetzt wird die Droge in unbegrenzter Menge zur Verfügung stehen, solange die Konsumenten selbst darum bitten und im Gegenzug dauernde Kontrolle und Überwachung in Kauf nehmen. So sollen im Ergebnis die global geltenden volkswirtschaftlichen „Gesundheitsstandards“ erreicht werden. Auf kurze bis mittlere Sicht mag dies eine gangbare Lösung sein, vorausgesetzt, die Antragsteller sind auch bei rigorosen Auflagen kooperationswillig, und vorausgesetzt, dass ihre fundamentalen Probleme nicht struktureller, sondern zyklischer Art sind. Und das ist durchaus nicht sicher. Doch die wahre Bewährungsprobe wird wohl noch ein paar Jahre auf sich warten lassen. Dann werden nicht nur diese Antragsteller, sondern auch der Rest der entwickelten Welt ausreichend konjunkturelle Dynamik entwickelt haben müssen, um zugunsten der „Schulmedizin“ von den Drogen zu lassen. Andernfalls könnte die anhaltende Abhängigkeit von der Liquiditätsdroge in der Tat inflationäre Nebenwirkungen haben, auch wenn die Grundtendenz eher deflationär scheint.

Sucht ist ein gefährliches Phänomen; kaum jemals zuvor war die Weltwirtschaft einer Droge ausgesetzt, die der Verlockung der Notenpresse gleichkommt. Zum Glück sind wohl auch die politischen Entscheidungsträger kompetenter denn je und sich dieser Problematik bewusst. Sie werden sich weiter um Umsicht bemühen. Und dennoch könnte sich die überaus wichtige, fragile Portfoliobalance zwischen nominalen Vermögenswerten („sicherer Hafen“) und dem risikoreicheren Realvermögen zugunsten der Letzteren verschieben.

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