Corona-Pandemie: Gefahr einer "Eurokrise 2.0" abwenden

Die EU muss eine neue Risikoverteilung vornehmen, um die Gefahr einer "Eurokrise 2.0" abzuwenden. (Bild: Shutterstock.com)
Die EU muss eine neue Risikoverteilung vornehmen, um die Gefahr einer "Eurokrise 2.0" abzuwenden. (Bild: Shutterstock.com)

Nach Abklingen der Corona-Pandemie erholt sich gemäss einem Szenario von Swiss Life AM die Weltwirtschaft im zweiten Halbjahr U-förmig von der Rezession. Chinas Kohlekonsum, ein stellvertretender Indikator für die Industrietätigkeit, deutet eine Trendwende hin zu einer langsamen Erholung an. Die Eurozone wird laut den Experten zum Beispiel durch Corona-Bonds eine Risikoverteilung vornehmen müssen.

11.04.2020, 07:00 Uhr

Redaktion: rem

Durch die globale Ausbreitung des Coronavirus und die strikten Eindämmungsmassnahmen wird die Wirtschaftsleistung der meisten Länder stark einbrechen. Swiss Life Asset Managers zeigt in der Grafik des Monats eine Schätzung der fiskalpolitischen Antwort auf die Pandemie Grosszügige Fiskal- und geldpolitische Massnahmen wurden bereits angekündigt, u. a. neue Staatsausgaben (dunkelrote Balken in der Grafik) sowie Liquiditätsversorgung und Darlehensgarantien für Firmen (graue Balken). Neben diesen Massnahmen sind bereits vor 2020 existierende Kurzarbeitsregelungen essenziell, um die Auswirkung auf die Arbeitsmärkte abzufedern. Grossbritannien führte eine solche Regelung im März 2020 ein. In den USA, wo es keine Kurzarbeit gibt, dürfte die Arbeitslosigkeit trotz des 2-Billionen-Hilfspakets stark ansteigen.

Schätzung der fiskalpolitischen Antwort auf die Pandemie

USA: Plötzliche Rezession

Aus den USA, einem zuvor wenig betroffenen Industrieland, ist mittlerweile der grösste globale Brandherd der Corona-Pandemie geworden. Die US-Fallzahlen zeigten um den 7. März, dass die Neuansteckungen unvermindert exponentiell wachsen. Die Entwicklung verläuft im Vergleich zu Italien etwa fünfzehn und im Vergleich zur Schweiz etwa neun Tage verzögert, was heisst, dass wohl noch strengere Einschränkungen folgen werden. "Wir erwarten daher für das erste Halbjahr 2020 eine markante, aber kurzlebige Rezession", so die Experten von Swiss Life AM. Anders als in europäischen Ländern gibt es in den USA keine Kurzarbeit. Deshalb mussten von Eindämmungsmassnahmen betroffene Firmen Massenentlassungen vornehmen. In der letzten März- und der ersten Aprilwoche beantragten 10 Millionen Personen Arbeitslosengeld (fast 6% der Beschäftigten) – der schnellste Anstieg der Geschichte. "Wir wären nicht überrascht, wenn die Arbeitslosenquote im April/Mai bis auf 10 oder sogar 15% steigen würde, bevor sie nach der erwarteten Lockerung der Massnahmen wieder sinkt", meinen die Experten weiter. Eine schnelle Rückkehr zur Normalität sei aber nicht zu erwarten.

Eurozone: Nachster Halt Coronabonds?

Umfragen in der Eurozone zeichnen ein düsteres Bild. Im März sank der Einkaufsmanagerindex (PMI) für den Dienstleistungssektor auf 26,4 Punkte – so tief wie noch nie, und weit unter die 40,9 Punkte während der Finanzkrise 2009. Der Industrie-PMI hielt sich mit 44,5 Punkten besser, dürfte aber im April aufgrund der sinkenden Nachfrage und der Schliessung aller nicht systemrelevanten Industriebetriebe Ende März in Spanien und Italien weiter abnehmen.

"In unserem Basisszenario erwarten wir, dass die Konjunktur im Mai oder Juni wieder anziehen wird, sofern die Einschränkungen langsam gelockert werden können. Dennoch wird der wirtschaftliche Schaden insbesondere in Italien enorm sein und das hoch verschuldete Land wird bald vor Problemen der finanziellen Tragbarkeit stehen", erwarten die Experten von Swiss Life AM. Bis jetzt hat die Geldpolitik die sich ausweitenden Spreads auf Peripherieanleihen aufgefangen: Die EZB verstärkte ihre Anleihekäufe und lockerte dafür die bisherigen Grenzwerte. Mittelfristig werde die EU jedoch eine neue Risikoverteilung vornehmen müssen, um die Gefahr einer "Eurokrise 2.0" abzuwenden, sei es über etablierte Instrumente wie den europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) oder die Ausgabe sogenannter Eurobonds oder "Corona-Bonds".

Prognosevergleich BIP-Wachstum und Inflation

China: Milder Wirtschaftsaufschwung

Die drastischen Massnahmen zur Eindämmung des Coronavirus führten zu einem starken Einbruch der konjunkturellen Entwicklung in China. Alle Konjunkturindikatoren fielen im Januar und Februar gegenüber dem Vorjahr so stark wie noch nie: die Anlageinvestitionen
um 24,5%, die Industrieproduktion um 13,5% und die Einzelhandelsumsätze um 20,5%. Dies wird einen deutlichen Rückgang der Wirtschaftsleistung im ersten Quartal 2020 zur Folge haben. Daher hat Swiss Life AM die BIP-Wachstumsprognose für das Gesamtjahr deutlich von 5,4 auf 3,8% gesenkt. Da neue inländische Coronafälle gemäss offiziellen Statistiken fast bei null liegen, lockerte die Regierung erste Einschränkungen und nimmt nun eine wachstumsfreundlichere Haltung ein.

Hochfrequente Indikatoren wie der Kohlekonsum, ein stellvertretender Indikator für die Industrietätigkeit, verbessern sich laufend. Der Konsum erholt sich allerdings nur zögerlich, wie die verhaltenen wöchentlichen Autoverkäufe zeigen. Ein weiterer Anstieg der Arbeitslosigkeit könnte den Konsum im Verlauf des Jahres zusätzlich dämpfen. Zudem führte die Pandemie zu einer globalen Rezession, was die Nachfrage nach chinesischen Gütern verringert. Daher erwarten wir für China im zweiten Quartal nur eine langsame Konjunkturerholung.

Schweiz: Das Sicherheitsnetz ist gespannt

Swiss Life AM räumt ein, dass man über wenig aktuelle Daten zur Verfügung, um den wirtschaftlichen Schaden der Pandemie und der Eindämmungsmassnahmen korrekt einzuschätzen. Die Experten erwarten in ihrem Basisszenario, dass der Verlauf vom lokalen Ausbruch bis zur Lockerung der eingeführten Einschränkungen in entwickelten Ländern ähnlich sein wird wie in China. Sie gehen von einer schrittweisen Konjunkturerholung ab Mai aus. Bis dahin dürfte die Wirtschaftsleistung der Schweiz um 12% sinken. Dies würde gegenüber 2019 einen Rückgang des realen Bruttoinlandsprodukts im Jahr 2020 von durchschnittlich 1,3% bedeuten.

Die grössten Risiken für dieses Szenario seien ein noch stärkerer Einbruch bis Mai, eine zweite Ansteckungswelle in Asien oder eine neue Schuldenkrise in Europa infolge der Lage in Italien und Spanien. "Wir denken, dass die Schweiz ein effizientes Sicherheitsnetz gespannt hat, um die Gefahr eines längeren Nachfrageschocks zu mindern. Dennoch lässt der bereits sichtbare Schaden keinen Zweifel daran, dass sich die Schweiz derzeit in einer Rezession befindet", so die Experten. Daten des Staatssekretariats für Wirtschaft lassen gemäss Swiss Life AM eine erste Einschätzung der Folgen für den Arbeitsmarkt zu: Trotz Kurzarbeitsentschädigung registrierten die kantonalen Arbeitsämter einen starken Anstieg von Arbeitslosengeldanträgen. Die Arbeitslosenquote dürfte seit Februar, als die Weltwirtschaft noch eine andere war, von 2,5% auf 2,9% gestiegen sein.

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