"China: First in, first out"

Die chinesische Regierung hat zur Bekämpfung des wirtschaftlichen Schadens, der durch die Pandemie verursacht wurde, ein massives Konjunkturprogramm lanciert. Das beinhaltet unter anderem den Ausbau ihrer Hochgeschwindigkeitszüge. (Bild: Shutterstock,com)
Die chinesische Regierung hat zur Bekämpfung des wirtschaftlichen Schadens, der durch die Pandemie verursacht wurde, ein massives Konjunkturprogramm lanciert. Das beinhaltet unter anderem den Ausbau ihrer Hochgeschwindigkeitszüge. (Bild: Shutterstock,com)

China investiert massiv in den Ausbau neuer Infrastruktur. Das wird dem Reich helfen, die negativen Auswirkungen der Covid-Pandemie zu schultern – sofern es gelingt, die Massnahmen zur Pandemie-Bekämpfung durchzusetzen, sagt Wenchang Ma von Ninety One in ihrem Kommentar.

15.07.2020, 10:30 Uhr

Redaktion: maw

Nach beinahe drei Monaten im Lockdown kehrt das Leben in China – trotz einer drohenden zweiten Welle – langsam wieder zur Normalität zurück. Es dürfte vor allem von zwei Faktoren abhängen, wie schnell sich das Land von der Corona-Pandemie erholen kann, meint Wenchang Ma, Portfoliomanagerin der All China Equity Strategy bei Niney One. Erstens gehe es darum, wie effektiv die Regierung Massnahmen zur Pandemie-Bekämpfung durchsetzen kann, einschliesslich der Fähigkeit, Quarantäne- und Abstandsregelungen einzuhalten. Und zweitens sei es entscheidend, haushaltspolitisch auf die Krise zu reagieren, das Finanzsystem zu stützen und die Konjunkturerholung anzukurbeln.

Onlineanbieter profitieren

Doch nicht alle Branchen seienauf Stimulierungsmassnahmen der Regierung angewiesen. Zu den wenigen Gewinnern während des Lockdowns zählten Unternehmen, die Onlinedienste anbieten. Unterhaltungs-Apps verzeichneten deutlich höhere Nutzerzahlen, da "offline" keine Unterhaltungsangebote mehr verfügbar waren. Der Umsatz der Mobile-Gaming-Branche stieg im ersten Quartal um 37,6% auf 7,8 Mrd. US-Dollar im Vergleich zum Vorquartal. Gemäss Statista beherrschen Tencent und NetEase den chinesischen Online-Gaming-Markt mit einem Marktanteil von rund 70%.

Und auch Home-Office-Lösungen und Online-Bildungsangebote wurden zum Standard. Durch das Arbeiten von zuhause aus stiegen die täglichen Nutzerzahlen von Konferenz-Apps wie Dingtalk um bis zu 300%, so eine Analyse von Bernstein. Dingtalk, eine Tochter von Alibaba, arbeitet mit dem chinesischen Bildungsministerium zusammen und bietet seit Anfang Februar mehr als 12 Mio. Schülern (rund 10% aller Schüler in China) eine virtuelle Lernumgebung.

Investitionen in neue Infrastruktur

"Insgesamt habe die chinesische Wirtschaft aber schweren Schaden erlitten, was die Regierung dazu bewog, ein massives Konjunkturprogramm zu lancieren", sagt Wenchang Ma. Das Programm umfasst Investitionen in neuartige Infrastruktur wie 5G-Basisstationen, künstliche Intelligenz, Datenzentren, Hochgeschwindigkeitszüge, Internet-of-Things-Lösungen, Ultra-Hochspannungsnetze und Ladestationen für E-Autos.

Gemäss Morgan Stanley werden sich die chinesischen Investitionen in den kommenden 10 Jahren in den erwähnten Bereichen auf rund 180 Mrd. US-Dollar summieren. Aber anders als die Investitionen in 5G-Basisstationen werden Datenzentren vornehmlich von privaten Internetgiganten finanziert. Alibaba hat angekündigt, die Ausgaben für Cloud-Angebote zu verdoppeln. Es wird erwartet, dass Baidu und Tencent ähnliche Schritte ankündigen werden.

Das Konjunkturprogramm der Regierung unterstützt aber auch traditionellere Wirtschaftssektoren. Für den Ausbau der Basisinfrastruktur wird viel Stahl und Zement benötigt. Rohstoffunternehmen profitieren davon und verzeichnen im Vergleich zu den Tiefständen von Februar mittlerweile wieder hohe Absatzzahlen. Hersteller wie Sany Heavy haben als Reaktion auf die steigende Nachfrage die Preise angehoben. Hengli Hydraulic, ein inländischer Zulieferer von Baggerbauteilen, verzeichnete im Vergleich zum Vorjahr 50% mehr Aufträge für Hochdrucktanks. Die Verkaufszahlen von Schwerlastern haben sich ebenfalls erholt. Diese Entwicklung werde sich voraussichtlich auch in den üblicherweise schwächeren Sommermonaten fortsetzen.

Fokus auf Binnenwirtschaft

Die chinesische Regierung verfügt mit Blick auf den soliden Haushalt über zusätzliche Möglichkeiten, die Wirtschaft wieder auf Wachstumskurs zu bringen. Die Massnahmen, die bisher angekündigt wurden, umfassen die Emission von Sonderanleihen, Ausgaben zur Viruseindämmung, Subventionen und geringere Sozialversicherungsbeiträge auf Arbeitgeberseite. Diese zusätzlichen Massnahmen sollen gemäss Reuters einen Umfang von rund 2% der jährlichen Wirtschaftsleistung aufweisen.

Chinas entschiedenes Vorgehen habe zu einer raschen Normalisierung der Konjunktur beigetragen. So habe das Land beispielsweise Reformen vorangetrieben, die bereits vor der Krise beschlossen wurden, darunter Investitionen in neue Technologien und das Reshoring von Technologie-Lieferketten auf das Kernland. China habe die Neuausrichtung des Wirtschaftswachstums von einem investions- hin zu einem konsumorientierten Ansatz weiter vorangetrieben und so den inländischen Wirtschaftsmotor gestärkt. Die Corona-Krise dürfte diese Entwicklung weiter fördern.

China als Vorzeigebeispiel

"Die zentrale Frage ist, ob die schrittweise Lockerung der Corona-Massnahmen anderen Ländern eine Orientierungshilfe bieten kann", so Wenchang Ma. Dass China die Infektionskurve abflachen konnte, ist zum Teil auf den Einsatz von technologischen Massnahmen seitens der Regierung zur Eindämmung des Virus zurückzuführen. "Für westliche Länder gibt es bei der Einführung eines Kontaktverfolgungssystems datenschutzrechtliche Hürden, die China nicht kennt."

China verfüge darüber hinaus über eine hochentwickelte Unternehmenslandschaft mit umfassenden Lieferketten in zahlreichen Branchen sowie eine erstarkende Binnenwirtschaft. Diese Faktoren sind ein klares Plus. Führende Unternehmen, die sich auf den chinesischen Markt konzentrieren, dürften in der Krise ihre Marktposition weiter ausbauen können. Anleger sollten sich gemäss der Expertin von Ninety One deshalb auf die Gewinner der Krise konzentrieren. Firmen mit robusten Geschäftsmodellen und soliden Bilanzen werden flexibler auf ungünstige Bedingungen reagieren können und widerstandsfähiger sein.

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