Überhöhte Erwartungen

Paul Hatfield, Chief Investment Officer und Leiter des Amerikageschäftes von Alcentra
Paul Hatfield, Chief Investment Officer und Leiter des Amerikageschäftes von Alcentra

Ungeachtet der anhaltenden wirtschaftlichen Flaute müssen Investoren Inflation zumindest mittelfristig weiterhin auf der Rechnung haben. Dies ist der Tenor diverser Expertenmeinungen der Investmentboutiquen von BNY Mellon.

17.06.2014, 15:42 Uhr

Redaktion: dab

Beinahe sechs Jahre nach dem Kollaps von Lehman Brothers und dem Höhepunkt der globalen Finanzkrise richtet sich die Aufmerksamkeit der Märkte auf die unbeabsichtigten Konsequenzen der lockeren Geldpolitik in den Industrieländern. Vor diesem Hintergrund erläutern Paul Hatfield, Chief Investment Officer und Leiter des Amerikageschäftes von Alcentra, und Paul Brain, Leiter des Bereichs Fixed Income bei Newton, in diesem Bericht ihre Ansichten und Erwartungen hinsichtlich der Inflationsentwicklung.

Hatfield erklärt: "Wir rechnen damit, dass die Inflation in den USA und in Grossbritannien unterhalb der historischen Niveaus verharren wird. Die Weltwirtschaft befindet sich in den Industrieländern weiterhin auf einem moderaten Erholungskurs, während die BRIC-Länder (Brasilien, Russland, Indien und China) mit einigen echten Herausforderungen konfrontiert sind. Insgesamt halten wir den Inflationsausblick sowohl für die Industrieländer als auch für die aufstrebenden Volkswirtschaften für ausgeglichen, obwohl wir wissen, dass einige Sonderfälle bestehen. Die Wirtschaftsdaten Chinas beispielsweise haben sich in den vergangenen Monaten durchwachsen gezeigt, was zu schwächer als erwartet ausgefallenen Inflationsdaten beigetragen hat. Es wird aber damit gerechnet, dass sich diese im Laufe des Jahres normalisieren dürften. Die aggressiven geldpolitischen Massnahmen Japans haben einen kontinuierlichen, wenngleich moderaten, positiven Einfluss auf den privaten Sektor."

Bei der Übertragung seines Ausblicks auf die Märkte für festverzinsliche Papiere hat Hatfield folgende Beobachtungen gemacht: "Fallende Preise könnten zunächst helfen, die Kostenstruktur einiger Unternehmen zu verbessern, sie würden jedoch zugleich die reale Schuldenlast von Emittenten hochverzinslicher Papiere vergrössern. Dies könnte eine weitere Runde finanzieller Anspannung im europäischen Bond-Sektor mit sich bringen, wovon insbesondere schwächere Kapitalstrukturen betroffen wären. Schliesslich könnte es zu einer Zunahme der Zahlungsausfälle von Unternehmen kommen, deren Zahl sich derzeit nahe eines Allzeittiefs bewegt. Aber selbst wenn es soweit kommen sollte, ist es unwahrscheinlich, dass die Zahlungsausfälle auf ein Niveau ansteigen, das uns mittelfristig betrachtet beunruhigen würde. Emittenten von Anleihen höherer Qualität könnten zunächst sogar von einer deflationären Entwicklung profitieren, obschon eine verlängerte Deflationsperiode einen negativen Einfluss auf die zugrundeliegenden Volkswirtschaften und die Kreditfähigkeit aller Akteure des Sektors hätte. Mit Blick auf die Zukunft wird einer strikteren Kreditauswahl künftig eine essentielle Rolle zukommen."

In dem Bericht zur Inflation von BNY Mellon prognostiziert Paul Brain zudem, dass die Gesamtverbraucherinflation in diesem Jahr aufgrund der Restrukturierung des Bankensystems in Grossbritannien, Europa und den USA keine signifikante Kehrtwendung vollziehen wird. Er hebt hervor: "Es besteht nach wie vor ein Risiko, dass wir uns – sollte die wirtschaftliche Erholung ins Straucheln geraten – mit Deflationssorgen konfrontiert sehen könnten. Der Bereich, in welchem wir eine Inflation als Konsequenz der spezifischen geldpolitischen Initiativen sehen, sind die Preise der Anlagegüter. Seit seinem Tiefststand im Jahr 2009 hat der US-Aktienmarkt (S&P) um gut 180 % zugelegt. Damit hat das Wachstum im Aktienmarkt die Erholung der Wirtschaft bei weitem überholt."

Er ergänzt: "Unsere aktuell entspannte Sicht auf die Inflation und die anhaltenden Deflationsrisiken haben uns in die Lage versetzt, über die sogenannten "unbeabsichtigten Konsequenzen" der lockeren Geldpolitik hinwegschauen zu können. Dies wiederum hat es uns erlaubt, unsere Aufmerksamkeit zugunsten einer anhaltenden Vorliebe für Unternehmensanleihen auf die positiven Auswirkungen niedriger Zinssätze und eines niedrigen Wirtschaftswachstums zu richten. Gleichwohl könnte ein anhaltendes Anziehen der Lohninflation in den USA ein Ende der lockeren geldpolitischen Haltung bewirken und Anleihen in US-Dollar schwächen. Wir werden unsere Anleihen-Positionen im Jahresverlauf anpassen, um steigenden Zinserwartungen Rechnung zu tragen. Diese Anpassung könnte beinhalten, dass wir unseren Portfoliomix gegen Ende des Jahres um inflationsgebundene Wertpapiere und Emissionen mit variablen Zinssätzen ergänzen."

Hatfield folgert: "Für den Rest des Jahres 2014 gehen wir von einem gemischten Gesamtbild für die weltweite Inflation aus. Am einen Ende des Spektrum sehen die USA ziemlich beständig aus, der Ausblick für Grossbritannien präsentiert sich mittelmässig und durchwachsen und die Eurozone bleibt unberechenbar, mit einem anhaltenden Deflationsrisiko."


Den "Special Report: Inflation" von BNY Mellon finden sie hier.

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