Aufbruch auf der Seidenstrasse im Jahr der Ziege

Ross Teverson, Head of Strategy, Global Emerging Markets bei Jupiter AM.
Ross Teverson, Head of Strategy, Global Emerging Markets bei Jupiter AM.

Gerade erst ist das Jahr des Pferdes zu Ende gegangen und schon steht das Jahr der Ziege im Zeichen eines ehrgeizigen Projekts namens „Neue Seidenstrasse“: Im Rahmen eines neuen Fünfjahresplans will die chinesische Regierung die soziale und wirtschaftliche Entwicklung des Landes vorantreiben und ihre Finanzreformen beschleunigen, so Ross Teverson, Head of Strategy, Global Emerging Markets.

03.03.2015, 14:50 Uhr

Redaktion: dab

Die Seidenstrasse, jenes sagenhafte Netz von Karawanenrouten, bescherte China bereits in vorchristlicher Zeit Reichtum und Wohlstand. Auch im 21. Jahrhundert dient es jetzt der chinesischen Führung als Quelle der Inspiration, um das sich verlangsamende Wirtschaftswachstum des Riesenreichs wieder anzukurbeln. Auf einer Reise nach Kasachstan im Jahr 2013 rief Chinas Präsident Xi Jinping in einer Rede dazu auf, seine Vision des „Wirtschaftsgürtels der Seidenstrasse“ (Silk Road Economic Belt) zu verwirklichen. Finanziert werden diese Pläne durch die massiven Kapitalinvestitionen der neu gegründeten Asian Infrastructure Investment Bank und des Silk Road Fund. Erwähnung findet das Projekt der „Neuen Seidenstrasse“ auch in der Agenda des Dritten Plenums der Kommunistischen Partei Chinas. Damit ist die „Neue Seidenstrasse“ Teil der offiziellen politischen Strategie des Landes.

Ausweitung des Einflussbereichs Chinas in der Region
Mit der „Neuen Seidenstrasse“ soll vor allem die Anbindung Chinas an seine Anliegerstaaten verbessert werden. Dabei geht es vorrangig um die Stärkung von Kommunikation und Handel zwischen dem Reich der Mitte und seinen Nachbarn durch leistungsfähigere Infrastruktur, engere Zusammenarbeit zwischen den Institutionen und Förderung des kulturellen Austauschs.

Das Jahr der Ziege wird voraussichtlich ganz im Zeichen der „Neuen Seidenstrasse“ stehen. Ein neu geschaffenes Komitee erarbeitet ein Konzept, wie die immensen Devisenreserven Chinas in den Dienst dieses Projekts zu stellen sind; Einzelheiten dazu sollen im weiteren Verlauf des Jahres bekannt gegeben werden. Wahrscheinlich wird China im Rahmen eines One-Stop-Shop-Ansatzes als zentrale Anlaufstelle fungieren und so Finanzierung, Expertise und Ausrüstungen für die regionalen Projekte zur Verfügung stellen. Damit dürfte China nicht nur seinen Einfluss in der Region ausweiten, sondern auch seine wirtschaftlichen Interessen im Ausland fördern.

Vom Projekt „Neue Seidenstrasse“ dürften in erster Linie grosse staatseigene Bau- und Schienenverkehrsunternehmen profitieren, die zweifelsohne den Zuschlag für die grössten Aufträge erhalten werden. Doch es gibt auch eine Reihe kleinerer Firmen, die über Technologie, Erfahrung und wettbewerbsfähige Kostenstrukturen verfügen und diese Initiative so als Sprungbrett auf ausländische Märkte nutzen können. Zu nennen sei hier das Unternehmen Hollysys, ein Hersteller für Automatisierungs- und Steuerungssysteme für Kunden in den Bereichen Industrie, Schienenverkehr und Stromerzeugung. Dank seines Fokus auf Forschung und Entwicklung wächst der Marktanteil des Unternehmens in China seit Jahren kontinuierlich. Doch obwohl Hollysys über die entsprechenden Zertifizierungen verfügt, um seine Produkte in anderen Regionen verkaufen zu können, geht der Absatz ausserhalb des Grossraums China bislang noch recht stockend voran. Gerade Anbieter wie Hollysys könnten von Chinas Absatzförderungsmassnahmen im Ausland profitieren.

Zeit für einen neuen Fünfjahresplan
Bei Chinas Fünfjahresplänen handelt es sich um eine Serie sozial- und wirtschaftspolitischer Entwicklungsinitiativen. Begonnen wurden diese Programme bereits Anfang der 1950er Jahre, seinerzeit noch unter Mao, um die Industrialisierung und Sozialisierung des Landes gezielt voranzutreiben. Seitdem hat China eine Reihe tiefgreifender Reformen umgesetzt, wie etwa den Übergang von der kollektiven Produktion zum sogenannten „household responsibility system“ in den 1980er Jahren, die Privatisierungswelle der 1990er Jahre und den Abbau der Handelsschranken im ersten Jahrzehnt dieses Jahrtausends. Der zwölfte Fünfjahresplan (2011 bis 2015) markierte einen erneuten Richtungswechsel, im Mittelpunkt stand die Neuordnung der Wirtschaft. Ziel war der Wandel von einer investitionsgetriebenen Volkswirtschaft hin zu einer Wirtschaft, in der der Binnenkonsum eine stärkere Rolle spielt.

Neuordnung der Wirtschaft
Diese Neuordnung der Wirtschaft wird aller Wahrscheinlichkeit nach auch im Mittelpunkt des kommenden 13. Fünfjahresplans stehen. Weitere Schwerpunktthemen sind die Reformierung der Staatsunternehmen sowie des Kapitalmarkts des Landes. Die im Plan angepeilte BIP-Zuwachsrate für die nächsten fünf Jahre wird wohl im Schnitt bei rund 6,5 Prozent liegen. Das ist einerseits hoch genug, um die wirtschaftliche Weiterentwicklung voranzutreiben, aber andererseits auch so niedrig, dass den politischen Entscheidungsträgern ausreichend Spielraum für ihre Reformen bleibt. Eine Wachstumsrate von 6,5 Prozent ist dem Anschein nach zwar ein erheblicher Rückgang gegenüber der 2014 verzeichneten Rate von 7,4 Prozent, die ihrerseits bereits den tiefsten Stand seit 24 Jahren markierte. Doch die chinesische Wirtschaft ist so vielschichtig, dass sich unserer Auffassung nach immer wieder interessante Investmentchancen am Aktienmarkt bieten werden.

Was die Anlagechancen betrifft, die sich im Zuge der wirtschaftlichen Neuordnung ergeben dürften, so positionieren sich bereits zahlreiche Unternehmen gezielt im Hinblick auf die entstehende Konsumwirtschaft in China. Doch nach unserem Dafürhalten verfügen nur einige wenige dieser Player über die Voraussetzungen, um vom Strukturwandel zu profitieren. Gefordert sind eine differenzierte nationale Marke, Preismacht und die richtige Produktpositionierung. So hat die E-Commerce-Website JD.com beispielsweise stark in ein nationales Logistiknetz investiert, ist einer der grössten Direktverkaufsanbieter online und nutzt ihre Infrastruktur und Benutzervolumen, um eine Plattform für den C2C-Absatz aufzubauen. Kurz- bis mittelfristig dürfte das Unternehmen sowohl vom Konsumwachstum in China als auch vom veränderten Konsumverhalten hin zu Online-Plattformen profitieren.

Vorantreiben der Finanzreform
In der Vergangenheit konnten chinesische Sparer nur geringe Zinserträge auf ihre Sparkonten einstreichen. Das lag vor allem an den gedeckelten Einlagensätzen der Banken, die zudem preisbereinigt häufig negativ ausfielen. Erschwerend kam ein Mangel an Investmentalternativen hinzu, bedingt durch die Beschränkung von Fremdwährungsgeschäften und die geringe Verbreitung von Hauseigentum vor Ende der 1990er Jahre. Im Endeffekt subventionierten Kleinsparer über die Niedrigzinsen Unternehmensschuldner – allen voran Staatsunternehmen –, die für ihre Kredite Zinsen zahlten, die oftmals unter dem nominalen BIP-Wachstum lagen. Die finanzielle Repression in China hat dazu geführt, dass Spareinlagen Institutionen zuflossen, die in einem regulierungsfreien Raum agierten (Schattenfinanzierung). Im Ergebnis kam es augenscheinlich zu Fehlleitungen von Kapital. Bislang haben Devisenkontrollbestimmungen den Einsatz des Renminbi bei Transaktionen verhindert. Inzwischen bemüht man sich allerdings nachhaltig um eine Reformierung des Finanzsektors.

Verzeichneten die Finanzreformen bislang eher zögerliche Fortschritte, scheint sich das Tempo nunmehr zu beschleunigen. So hat China allein in den letzten sechs Monaten eine Reihe wichtiger Massnahmen umgesetzt: Allen Ausländern ist jetzt der Erwerb von A-Aktien an chinesischen Unternehmen gestattet, die zuvor den Bürgern der Volksrepublik und einer begrenzten Zahl ausländischer Institutionen vorbehalten waren. Die Banken geniessen jetzt grössere Freiheit bei der Festlegung ihrer Zinsen auf Sparguthaben und der Garantiezins auf bestimmte Versicherungsprodukte ist nicht mehr nach oben begrenzt.

In den kommenden zwölf Monaten wird die chinesische Zentralbank voraussichtlich Massnahmen ergreifen, um die Wirtschaft anzukurbeln und die Liberalisierung der Finanzmärkte weiter voranzutreiben. Auch sind die chinesischen Entscheidungsträger jetzt wohl eher geneigt, Finanzreformen umzusetzen, die Investments von den Überkapazitäten in der Schwerindustrie weg und hin zu dynamischeren Sektoren, inklusive Dienstleistungen, der Volkswirtschaft lenken. Dadurch besteht zweifelsohne ein grösseres Risiko für Kapitalabflüsse aus China, aber andererseits auch ein sehr viel höheres Potenzial für Kapitalzuflüsse aus dem Ausland. Für die Banken Chinas dürften die Finanzreformen höhere Profitabilität bedeuten. Im Ergebnis sollte es hier zu einer Entkopplung der engen Trading Ranges kommen, an die die chinesischen Banken bislang gebunden waren. Zwar wird sich die Kapitalmarktreform auf das Kreditgeschäft der meisten Banken wohl negativ auswirken. Doch die Bank of China, die wegen ihrer Auslandskredite im Vergleich zu ihren Gleichgesinnten momentan noch mit einem Abschlag gehandelt wird, dürfte einer der Nutzniesser von Kapitalmarktreform und der Propagierung des Renminbi als Weltwährung sein. Denn wenn auf Renminbi lautende Auslandskredite sich erst einmal als attraktive Variante durchgesetzt haben, könnte dies einer Neubewertung der Bank of China den Weg ebnen.

Im Hinblick auf Investments wird 2015 zweifelsohne einige neue Herausforderungen für bestimmte Wirtschaftssektoren mit sich bringen. Dennoch gibt es nach unserer Einschätzung immer noch zahlreiche überzeugende Gelegenheiten für Unternehmen, den strukturellen, branchenbezogenen bzw. unternehmerischen Wandel für sich zu nutzen. Im Ergebnis werden wir wohl eine stärkere Divergenz zwischen den Bewertungen jener Unternehmen erleben, die sich dem Wandel stellen und ihn nutzen, und jenen, die ihn fürchten.

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