Anlagen in Schwellenländer-Anleihen haben stark zugenommen

Nick Tolchard, Head of EMEA bei Invesco Fixed Income
Nick Tolchard, Head of EMEA bei Invesco Fixed Income

Die Allokationen in Schwellenländer-Anleihen sind stark gestiegen, wie aus der Global Fixed Income Study von Invesco hervorgeht. Eine weitere Erkenntnis der Studie: Eine Mehrheit der Anleger war schon vor Covid-19 über die Liquidität der Anleihe-Märkte besorgt.

18.05.2020, 15:25 Uhr

Redaktion: rem

Invesco hat am Montag die Ergebnisse seiner dritten jährlichen Global Fixed Income Study vorgelegt. Dabei handelt es sich um einen Bericht zur Stimmungslage globaler Anleihe-Investoren, für den Interviews mit 159 CIOs und Vermögensträgern weltweit geführt wurden. Wie die Studie zeigt, sind 72% der Investoren jetzt in Emerging-Market-Anleihen alloziert (2018:49%). 54% der Befragten sind der Ansicht, dass sich mit ESG (Environmental, Social, Governance)-Analysen versteckte Werte im Anleihe-Bereich auftun lassen. Die Mehrheit (51%) äussert sich besorgt über die Liquidität der Anleihe-Märkte und ist unsicher, wie sich diese in schwierigeren Phasen verhalten werden.

Investoren sind selektiver geworden

80% bzw. 89% der Investoren aus den Regionen EMEA (Europa, Mittlerer Osten, Afrika) und APAC (Asien-Pazifik)halten Positionen in EM-Anleihen, verglichen mit lediglich 51% in Nordamerika. Auch sind die Allokationen in EM-Anleihen in APAC und EMEA mit 7,2% bzw. 6,5% deutlich höher als in Nordamerika (3,6%).

Für die 42% der Investoren, die mittlerweile in EM-Anleihen investiert sind, ist China ein interessanter Markt, wobei vor allem auf die vermeintlich einzigartigen Diversifikationsvorteile der chinesischen Wirtschaft und des chinesischen politischen Systems sowie niedrigere Hürden für Investitionen in diesen Markt verwiesen wird: 62% der Investoren sind der Meinung, dass der Zugang zum chinesischen Anleihe-Markt nicht mehr so schwierig ist wie vor zwei Jahren.

"Angesichts der niedrigen verfügbaren Renditen in ihren Kernportfolios haben EMEA-Investoren in grossem Stil in EM-Anleihen umgeschichtet, um höhere Erträge zu generieren. 69% der EMEA-Investoren mit einer Allokation in EM-Anleihen sind aus Renditeerwägungen in der Anlageklasse investiert, verglichen mit nur 25% der nordamerikanischen Investoren, die EM-Anleihen eher als Portfoliodiversifikator betrachten“, sagt Nick Tolchard, Head of EMEA bei Invesco Fixed Income.

ESG zunehmend etabliert auch im Anleihebereich

Auch im Anleihenbereich hat die ESG-Integration stark an Bedeutung gewonnen: 80% der Investoren in EMEA und 69% der Investoren in APAC berücksichtigen in ihren Zinsportfolios ESG-Faktoren. Im Jahr 2019 waren es erst 51% bzw. 38%. Am höchsten ist der Anteil der Anlagen, bei denen ESG-Kriterien berücksichtigt werden, in den Portfolios der Investoren aus EMEA mit 34%, gefolgt von Nordamerika mit 22% und APAC mit 19%. Die nordamerikanischen Investoren haben sich bei der ESG-Integration am zögerlichsten gezeigt – bislang berücksichtigen nur 56% dieser Investoren ESG-Faktoren in ihren Portfolios.

Die Hälfte der Studienteilnehmer betrachtet eine informierte Bewertung der ESG-Risiken von Emittenten inzwischen für wichtig, um höhere Erträge zu generieren. Konkret müssen Emittenten, die Umwelt- und Governance-Sorgen – das "E" und das "G" in ESG – nicht angemessen adressieren, mit höheren Fremdkapital- und Refinanzierungskosten rechnen, was sich ganz klar auch auf die Bewertung dieser Wertpapiere in den Anlegerportfolios auswirkt. 54% der Befragten sind jetzt der Ansicht, dass sich durch ESG-Analysen versteckte Wertpotenziale an den Anleihe-Märkten erschliessen lassen. Für 50% der Investoren, die in ihren Bond-Portfolios ESG-Faktoren berücksichtigen, ist die Aussicht auf bessere Anlageerträge ein wichtiger Beweggrund.

"Viele Investoren haben lange geglaubt, dass die Berücksichtigung von ESG-Faktoren zwangsläufig mit Einbussen bei der Performance einhergehen würde. Inzwischen hat es hier aber einen Einstellungswandel gegeben. Über alle Regionen hinweg berichten nur sehr wenige Investoren über negative Auswirkungen auf ihre Performance. In EMEA hat die Mehrheit (52%) sogar angegeben, dass sich die ESG-Integration positiv in ihrer Performance niedergeschlagen hat“, sagt Tolchard.

Unter Verweis auf die Verantwortung, die Investoren gegenüber Umwelt und Gesellschaft haben, nennen drei Viertel (75%) der Befragten die gesellschaftliche Verantwortung als wichtigsten Treiber der ESG-Integration in ihren Portfolios. Ein weiterer wichtiger Grund sind für mehr als zwei Drittel (67%) der Investoren die Wünsche ihrer Stakeholder.

Das Liquiditäts-Paradoxon der Anleihe-Märkte

Im spätzyklischen Umfeld haben die Asset Owner ihre Allokationen in illiquide Anlagewerte erhöht. Die Mehrheit (51%) zeigte sich aber besorgt über die Liquidität der Anleihe-Märkte und unsicher, wie diese nach der Einführung von Regelwerken wie dem Dodd-Frank Act und den Beschränkungen der traditionellen Market Maker im Nachgang der globalen Finanzkrise in schwierigeren Phasen reagieren würden. Unter anderem hat dies zu einem vermehrten Interesse an Strategien geführt, die helfen können, die Liquidität zu verbessern und das Marktrisiko zu reduzieren. Dazu gehören Techniken wie der Blockhandel, der über ETFs direkt zwischen Kunden stattfindet (und von 59% der Investoren genutzt wird), Credit Portfolio Trading (von 30% genutzt) und die breitere Anwendung von Strategien mit festen Laufzeiten (56%).

"Die Investoren machen sich Sorgen über die Liquidität und regulatorische Entwicklungen, die durch den von COVID-19 ausgelösten Wachstumseinbruch nochmals verstärkt worden sind“, so Tolchard. "Viele betrachten Strategien mit fester Laufzeit als gute Möglichkeit, zusätzliche Liquiditätsprämien abzuschöpfen und zugleich ihre Kosten begrenzt zu halten sowie stabile, vorhersagbare Erträge zu erzielen. Wie wir festgestellt haben, werden diese Strategien von 56% der Investoren genutzt, darunter 72% der beitragsorientierten Pensionskassen und 66% der Versicherungsgesellschaften.“

Anleihe-Investoren waren schon vor den von COVID-19 im ersten Quartal 2020 ausgelösten Marktturbulenzen zunehmend risikoavers geworden. Fast die Hälfte von ihnen (43%) war der Ansicht, dass es maximal noch ein Jahr dauern würde, bis der bisherige Konjunkturzyklus – der längste je verzeichnete – endet, wobei die meisten mit einer weichen Landung rechneten. 23% sahen eine Blasenbildung am Anleihenmarkt, wobei nur 29% mit einem starken Einbruch der Anleihekurse rechneten.

Global Fixed Income Study

Für die Studie wurden Interviews mit Anleiheinvestoren in Nordamerika, EMEA und Asien-Pazifik (APAC) geführt, die zusammen ein Anlagevermögen von 20 Bio. US-Dollar verwalten (Stand 31. Dezember 2019). Zu den Teilnehmern gehörten leistungs- und beitragsorientierte Pensionskassen, Staatsfonds, Versicherungsgesellschaften, Privatbanken, diversifizierte Fondsmanager, Multi-Manager und Modell-Entwickler.

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