"Wir ziehen Zykliker den defensiven Unternehmen vor"

Alfonso Papa ist Geschäftsführer von ING Investment Management in der Schweiz. Im Interview mit fondstrends.ch blickt er auf das Anlagejahr 2013 voraus und erklärt, warum derzeit viele Anleger auf Senior Loans setzen.

12.12.2012, 08:34 Uhr

Redaktion: mak

fondstrends.ch: Herr Papa, wo sehen Sie für Anleger im nächsten Jahr die grössten Gefahren?
Alfonso Papa: Das Weltwirtschaftswachstum bewegt sich auf tiefem und sehr volatilem Niveau. Entsprechend werden die Kapitalmärkte weiterhin empfindlich auf politische Entwicklungen reagieren. Fundamental gesehen scheinen gerade Aktienmärkte an Attraktivität zu gewinnen. Unternehmen haben ihre Bilanzen bereinigt, warten mit Innovationen und effizienter Produktion auf und sind in den meisten Fällen moderat bewertet. Man müsste also weniger von Risiken sprechen, sondern vielmehr die Unsicherheiten auflisten, wenn wir von Gefahren für den Anleger sprechen.

Was sind die Unsicherheiten?
Für die USA der „Fiscal Cliff“ und die damit verbundene Bedrohung, der Wirtschaftserholung ein jähes Ende zu setzen. In Europa gilt es die unterschiedliche Entwicklung zwischen Norden und Süden und das Spannungsfeld Staatsschuldenkrise und Wirtschaftserholung im Auge zu behalten. Auch in den grössten Volkswirtschaften in Emerging Markets gibt es Unsicherheiten. Diese sind je nach Inflationserwartungen zu einer restriktiveren Politik gezwungen, was deren Wachstumskraft in Frage stellt.

Sie sprechen von gesunden Unternehmen. Welche Sektoren bevorzugen Sie und wie beurteilen Sie die Lage in den drei grossen Regionen?
Aufgrund der sich verbessernden wirtschaftlichen Lage aber auch der attraktiven relativen Bewertung ziehen wir taktisch zyklische Werte den defensiven Unternehmen und Sektoren vor. Zudem scheint eine gewisse Zunahme des Risikoappetits einzusetzen. Konsum- und Industriewerte, welche von der wirtschaftlichen Entwicklung in Emerging Markets profitieren können, stehen in der Gunst der Strategie. Vergleichen wir in der westlichen Welt Europa und die USA, gewichten wir derzeit Europa stärker. Die Risikoprämien der beiden Regionen sollten sich wieder annähern, wobei derzeit in Europe ein Aufschlag verlangt wird. Eine „Normalisierung“ führt zu einer Outperformance Europas gegenüber den USA. Emerging Markets hielten wir noch bis vor kurzem in unserer Allokation neutral. Angesichts der anhaltenden Verbesserung der fundamentalen Daten haben wir uns für eine leichte Übergewichtung entschieden.

Denken Sie, dass der Konsument dem Staat und der zukünftigen wirtschaftlichen Entwicklung Vertrauen schenkt?
Das Konsumentenverhalten hängt stark davon ab, wie sicher oder eben unsicher die Zukunft eingeschätzt wird. Liquidität wurde geschaffen und die Finanzierungsbasis ist günstig wie nie. Aber ob der Konsument der aktuellen Wirtschaftserholung und den Politikern genügend Vertrauen schenkt, hängt stark von der individuellen Situation ab.

Wie meinen Sie das?
Der Arbeitsmarkt in den USA sendet positive Signale aus. Frühindikatoren wie beispielsweise der Purchasing Managers Index (PMI) suggerieren – wenn auch auf verhaltenem Niveau – eine positive Wende. Der Immobilienmarkt in den USA bewegt sich im Durchschnitt auf tiefem Bewertungsniveau. Langfristig werden Staatsschulden nur dann abgebaut werden können, wenn der private Sektor für Wachstum sorgt. Die politischen Interessen sind demnach durchaus mit denjenigen der Konsumenten vereinbar. Wir können davon ausgehen, dass die Politik das Wirtschaftswachstum weiter günstig finanzieren und stimulieren wird.

Und in Europa?
Hierzulande sehen wir uns mit einer „koordinierten Sparwelle“ der Staaten konfrontiert. Diese wird nach meiner Meinung den unterschiedlichen Entwicklungen der Länder, insbesondere im Vergleich Nord-Süden, nicht gerecht. Wachstumsimpulse im privaten Sektor werden dadurch eher gedämpft. Wir sollten verstärkt Ausgaben im Norden sehen, während der Süden zu sparen hat. Kurzfristig werden wir in Europa ein weiterhin moderates Konsumentenverhalten sehen.

Die "Jagd nach Rendite" wird in der tiefen Zinslage anhalten. Was raten Sie dem Obligationenanleger?
Auf der einen Seite sehen wir gesund finanzierte Unternehmen, mit hohem Liquiditätsbestand. Auf der anderen Seite suchen Investoren Alternativen zu Staatsanleihen. Letztere werfen äusserst niedrige Renditen ab. Unternehmensanleihen sind daher sowohl im Investment Grade- wie auch im High Yield-Bereich attraktiv. Auch werden sich Unternehmensanleihen aus Schwellenländern einer verstärkten Nachfrage erfreuen. Deren Finanzierungsbasis erscheint relativ stabil, sie bezahlen aber nach wie vor für ihre Herkunft eine gewisse Prämie gegenüber Unternehmen aus industrialisierten Ländern. Aber nicht nur die soliden Unternehmensbilanzen und die gegenüber Staatsanleihen höheren Erträge machen Unternehmensanleihen interessant. Das Bedürfnis, fundamentale Diversifikation zu suchen und die Dominanz der Durationsrisiken im Portfolio zu reduzieren, treibt Anleger in Unternehmensanleihen.

ING IM hat im Senior Loans-Bereich starke Anlagekompetenzen. Wie sind die Aussichten für diese Anlageklasse?
Erfahrene Investoren und institutionelle Anleger entdecken den Senior Loans-Markt neu und stellen fest, dass dieser eine hohe fundamentale wie auch technische Stabilität erfährt. Ausfallraten sind tief wie nie zuvor, der Nachfrageüberhang ist stabil, die vor dem Jahr 2008 gesehenen „Leverage“-Übertreibungen sind nicht mehr existent und der Markt wartet mit relativ gesehen attraktiven Renditen und einem Durationsrisiko von nicht mal 0.2 Jahren auf.

Teilen Sie die Befürchtung einer Hyperinflation in der entwickelten Welt?
Unser Asset Manager in Holland führt Marktuntersuchungen bei institutionellen Anlegern durch. Die Mehrheit erwartete eine Inflation von 0-3%, während nicht wenige die zukünftige Inflation auf über 3% schätzen. Wir werden inflationäre Tendenzen in der industrialisierten Welt sehen, ausser in Japan. Das Risiko einer Inflationsbeschleunigung ist allerdings eher gering einzuschätzen. Solange Inflation nicht durch Lohnerhöhungen, sprich künstlicher Kaufkrafterhöhung, verursacht wird, müssen wir uns wenig Sorgen um hohe Inflation machen.

Können Sie Ihre Anlagestrategie zusammenfassend darstellen?
Durations- und Staatsrisiken gilt es zu diversifizieren. Suchen Sie selektiv Anlagen in Unternehmensanleihen. Haben Sie Non Investment-Grade bereits aufgebaut, empfiehlt sich in der Seniorität der Kapitalstruktur aufzusteigen. Bei US-Unternehmen bieten sich für erfahrene Anleger Senior Loans an. Schwellenländer-Anleihen und ganz besonders Schuldner in Asien bieten Zinsaufschläge trotz vergleichbaren Ausfallrisiken. Local Currency-Anlagen in Emerging Markets sind mit hiesigen Portfolios meist weniger korreliert als Anlagen in harter Währung, was Diversifikation beisteuert. Es sind Aktienrückkäufe und Fusionen sowie Dividendenwachstum zu erwarten. Taktisch empfehlen wir zyklische Werte, da wir an das Potenzial positiver Überraschungen glauben. Wir gehen davon aus, dass sich die Risikoaufschläge in Europa gegenüber den USA normalisieren. Deshalb ziehen wir eine höhere Gewichtung in Europa vor. Die Wachstumsentwicklungen in China beruhigen die Sorgen um eine harte Landung der chinesischen Wirtschaft. Wir sehen dies als positives Signal für Emerging Markets, wollen aber eine Stabilisierung der Kapitalflüsse sehen. Immobilien sind in den USA attraktiv bewertet und die Eurozone bietet dividendenstarke Anlagen an. Bei Rohstoffen halten wir eine generelle Untergewichtung, sind aber gegenüber Industriemetallen positiv eingestellt.

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