Nachhaltige Ressourcen-Nutzung ist extrem wichtig

Nina Hodzic, ESG-Spezialistin bei ING IM
Nina Hodzic, ESG-Spezialistin bei ING IM

Fondstrends sprach mit Nina Hodzic, ESG-Spezialistin bei ING IM, über nachhaltige Elektronik, deren grösste Herausforderungen und welche Elektronik-Unternehmen nachhaltig wirtschaften.

24.07.2013, 08:30 Uhr

Redaktion: fab

Frau Hodzic, nachhaltige Ressourcen-Nutzung ist nach wie vor ein wichtiges Thema. Wo sehen Sie künftig die grössten Herausforderungen?
Immer mehr Menschen rund um den Globus nutzen Computer, Smartphones und Tablets, sei es, um produktiver zu sein oder einfach nur zum Spass. Die Entwicklungen in diesem Bereich haben u. a. durch die ständig zunehmende Nutzung des Internets erhebliche Folgen für unsere Gesellschaft. Der weltweite Drang nach immer schnellerer Kommunikation und mobilem Zugriff auf Informationen treibt die Innovationen im IT-Sektor unaufhaltsam voran, was unter anderem zur Entwicklung des Cloud Computing führte. Das Zurverfügungstellen von Software-Anwendungen über das Internet anstatt über einen lokalen Server oder die Festplatte des eigenen PC. Durch Cloud Computing können Unternehmen ihre Anwendungen rascher produktiv in Betrieb nehmen, sie lassen sich besser steuern und erfordern weniger Wartung. All das sind wesentliche Vorteile. Doch mit der stetig wachsenden „Wolke“ geht auch ein steigender Energiebedarf einher. Die Rechenzentren, in denen die gesamten Inhalte gespeichert werden, verbrauchen ungeheure Energiemengen. Das gibt vor dem Hintergrund von Problemen wie Klimawandel und nicht nachhaltiger Nutzung von Ressourcen grossen Anlass zur Sorge.

Ein weiteres Problem ist das Tempo, mit dem wir elektronische Geräte kaufen und wegwerfen. Sowohl Verbraucher als auch Elektronikunternehmen sollten sich hier verantwortungsbewusster verhalten. Verbraucher sollten nachhaltigere Elektronik verlangen und die Unternehmen sollten sich verstärkt für ökologische Innovation einsetzen, beispielsweise für ein umweltverträgliches Produktdesign.

Für Unternehmen bestehen aber sicherlich noch weitere Spielräume, zum Beispiel beim Entsorgungsprozess?
Natürlich spielt das Recycling ebenso eine zunehmende Rolle für Elektronikunternehmen. Das liegt einerseits an den gesetzlichen Anforderungen. Andererseits erkennen immer mehr Unternehmen den Wert, den die Rohstoffe in ausgedienten Produkten für den Fertigungsprozess darstellen. Einige Unternehmen wie HP und Dell erteilen Verbrauchern Gutschriften, wenn sie ausgediente Produkte zurückbringen, die wiederverwendet werden können. Hitachi hat effiziente Recycling-Technologien entwickelt, um Magneten aus seltenen Erden aus Festplatten, Klimaanlagen, Hightech-Batterien und anderen Altprodukten herauszulösen und in neuen Produkten wiederzuverwerten. Auf diese Weise begegnet das Unternehmen dem Problem, dass das Angebot seltener Erden weltweit eher unsicher ist. Andere Strategien zielen darauf ab, die Lebensdauer von Produkten zu verlängern. Teilweise werden Produkte überholt und dann als Secondhand-Artikel weiterverkauft.

Noch sinnvoller ist eine Lösung, bei der die Umweltverträglichkeit im Rahmen einer Ökobilanz beurteilt wird. Ökodesign-Strategien vermitteln, inwieweit sich jede Lebenszyklusphase – von der Fertigung bis zur Entsorgung – auf die Umwelt auswirkt. Während der Designphase sind vor allem Faktoren wie Materialauswahl und -reduzierung, Energieeffizienz, Demontage, Wiederverwertbarkeit, Wiederaufarbeitung und Entsorgung zu berücksichtigen. Öko-design-Produkte sollten innovative umweltverträgliche Merkmale aufweisen, wie effiziente und saubere Energienutzung, Fertigungsprozesse, die den Einsatz umweltschädlicher Substanzen (zum Beispiel Blei und Quecksilber) reduzieren, und umweltschonende Entsorgung.

Wo sehen Sie die grössten Risiken für Social Responsible Investments für die Elektronikindustrie?
In der Elektronikindustrie kommt dem Nachschub von preiswerten Rohstoffen wie Tantal, Wolfram, Zinn und Gold eine grosse Bedeutung zu. Aus diesem Grund ist auch die Nachfrage stetig gestiegen. Diese Mineralien werden sehr oft in Konfliktregionen wie der Demokratischen Republik Kongo abgebaut, in den 1990er Jahren traten diese verstärkt als kostengünstige Rohstoffe in Erscheinung. Im Kongo haben bewaffnete Gruppen die Minen und Handelswege in ihre Gewalt gebracht und nutzen systematisch Kinder- und Sklavenarbeit sowie sexuelle Gewalt gegen Tausende Frauen und Mädchen, um die Bevölkerung in Angst und Schrecken zu versetzen und so ihr Territorium zu kontrollieren. Weitere Probleme im Zusammenhang mit Konfliktmineralien sind Umweltschäden, prekäre Arbeitsbedingungen, mangelhafte Gesundheitsversorgung und Sicherheit sowie grassierende Korruption in den östlichen Regionen des Kongo.

Sind denn Unternehmen gesetzlich nicht verpflichtet, nachzuweisen, dass sie ihre Rohstoffe aus „unbedenklichen“ Quellen beziehen?

Natürlich stellt das Thema Konfliktmineralien ein regulatorisches Risiko dar. In den USA schreibt der im August 2012 verabschiedete Zusatz zum Dodd Frank Act (Section 1502, Conflict Minerals Amendment) Unternehmen vor, bei ihrer Mineralbeschaffung sicherzustellen, dass sie nicht zu Konflikten beitragen. Insbesondere müssen alle bei der US-Börsenaufsicht SEC registrierten Unternehmen, die über Fertigungsverträge verfügen, angeben, ob das in ihren Lieferketten verwandte Tantal, Wolfram, Zinn oder Gold aus den Konfliktgebieten des Kongo stammt. Doch alle Unternehmen (auch nicht bei der SEC registrierte), die Metalle ankaufen, laufen Gefahr, dass sie aus Lieferketten ausgeschlossen werden, falls sie nicht nachweisen können, dass ihre Mineralien aus konfliktfreien Gebieten stammen. Nach dem Gesetz sind sie deshalb verpflichtet, ihre gesamte Beschaffungskette offenzulegen. Des Weiteren stellt das Thema natürlich ein erhebliches Reputationsrisiko für Unternehmen dar.

Welche Schlüsse können Anleger daraus ziehen?
Investoren können das Thema „nachhaltige Elektronik“ auf vielfältige Weise nutzen und dazu beitragen, wie beispielsweise durch Investition in Elektronikunternehmen, die umweltverträgliche Lösungen wie Ökodesign anbieten. Eine weitere Möglichkeit ist der aktive Dialog mit Unternehmen, die in diesem Bereich tätig sind. ING IM hält sich zudem über die neuesten Forschungen und NGO-Berichte zum Thema nachhaltige Elektronik auf dem Laufenden. Weiter diskutieren häufig ESG-Themen mit den Geschäftsführungen von Elektronikunternehmen und regen sie zu mehr Transparenz im Hinblick auf die sich ihnen stellenden Herausforderungen an.

Können Sie Unternehmen nennen, die sich ernsthaft für eine nachhaltige Entwicklung einsetzen?
AT&T ist ein solches Beispiel dafür. Das Unternehmen hat den Anspruch, umweltverträglich zu arbeiten und betreibt daher ein relativ leistungsfähiges Umweltmanagementsystem. Ferner informiert AT&T über verschiedene Programme zur Reduzierung von Sondermüll und eine intensivere Nutzung erneuerbarer Energiequellen. Das Unternehmen sammelt zudem Elektroabfall wie Handys und Computer, die dann recycelt werden. Im Anschluss werden sie entweder gespendet oder weiterverkauft. So sammelte AT&T im Jahr 2011 über 77.000 Computer, Monitore und Server zur Wiederverwendung bzw. Wiederverwertung. Daneben hat der Konzern Modelle zur Messung des Kohlenstoffausstosses entwickelt, um den Erfolg von AT&T-Lösungen wie Videokonferenzen und Telearbeit zu quantifizieren.

Der ESG-Score des Unternehmens beträgt 61,6 gegenüber dem Branchendurchschnitt von 56,4. AT&T liegt beim Umweltschutz deutlich über dem Branchendurchschnitt, im Hinblick auf den Faktor „Governance“ allerdings darunter. Es bestehen keine ernsthaften ESG-Probleme / Kontroversen im Hinblick auf AT&T.

Ein weiteres Beispiel ist Intel. Das Unternehmen verfolgt in Schlüsselbereichen wie Reduzierung von Emissionen und Wassereinsparung feste Ziele. Bei Intel haben diese Ziele in den kommenden Jahren strategische Priorität. Gerade im Bereich Ökodesign ist Intel besonders aktiv. Hier hat das Unternehmen den Anspruch, Produkte zu kreieren, die nicht nur leistungsfähig, sondern auch energieeffizient sind. Das Unternehmen arbeitet eng mit Geräteherstellern, Einzelhändlern und anderen zusammen, um gemeinsame Lösungen (wie etwa Recycling) für gebrauchte Elektronik zu entwickeln. Überdies hat Intel einen variablen Anteil der Gehälter seiner Beschäftigten mit der Erreichung ökologischer Kriterien verknüpft. Auf diese Weise soll das Bewusstsein für Umweltschutz und Nachhaltigkeit geschärft werden.

Microsoft ist in dieser Hinsicht ebenfalls sehr aktiv. Das Unternehmen hat den Anspruch, seine geschäftlichen Praktiken zu verbessern und so den Ausstoss von Treibhausgasen zu verringern. Bis zum Geschäftsjahr 2013 will der Konzern CO2-neutral sein. Zu diesem Zweck hat Microsoft mehrere Initiativen eingeleitet, um die Nutzung erneuerbarer Energiequellen auszubauen. Zum Beispiel hat Microsoft an einigen Standorten Solarzellen auf den Dächern installiert; im Werk in Washington betreibt das Unternehmen eine Wasserkraftanlage. Nach Ansicht von Microsoft nutzt „lean and green“ nicht nur der Umwelt, sondern auch dem Geschäft; Unternehmen, die sich hier engagieren, werden deutlichen Nutzen sehen. Eine Reduzierung von Energieverbrauch und Müll verbessert den Gewinn und demonstriert gegenüber Kunden, Mitarbeitern und der Öffentlichkeit Corporate Citizenship, also verantwortungsbewusstes Agieren als Unternehmen.

Microsoft bietet seinen Kunden Produkte mit nachhaltigen Funktionen, wie Software und Cloud-Computing-Produkte mit Energiesparlösungen. Desgleichen unterhält der Konzern klare Richtlinien für Online-Datenschutz und nutzt Initiativen zur Überbrückung der digitalen Kluft. Dazu zählen auch Massnahmen wie das Verschenken von Computern an Firmen und Privatleute in weniger entwickelten Ländern. Microsofts philanthropische Aktivitäten konzentrieren sich in erster Linie auf Ausbildung und örtliche Gemeinschaften.

Der ESG-Score des Unternehmens beträgt 61,5 gegenüber dem Branchendurchschnitt von 52,5. Microsoft schneidet im Vergleich zu seinen Peers im Bereich Software und Services bei allen drei Aspekten (Umwelt, Soziales und Governance) überdurchschnittlich ab. Das gilt vor allem für den Faktor Umwelt. Microsofts Berichtswesen zu ESG-Fragen ist vergleichsweise ausgeprägt, die Transparenz liegt über dem Branchendurchschnitt. Es bestehen keine ernsthaften ESG-Probleme / Kontroversen im Hinblick auf Microsoft.

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