"Es gibt keine sicheren Anlagehäfen mehr"

Alex Durrer, LGT Chefökonom
Alex Durrer, LGT Chefökonom

Im kommenden Jahr wird die Weltwirtschaft bestenfalls stagnieren, meint LGT-Chefökonom Alex Durrer im Interview. Für Anleger bleibe eine disziplinierte Diversifikation ein Muss. Gegenüber Risikoanlagen ist Durrer vorsichtig. Statt dessen setzt er auf Cash, Gold und den japanischen Yen, seit der Schweizer Franken zum "Euronuch" degradiert ist.

09.12.2011, 14:56 Uhr

Redaktion: mak

Herr Durrer, wie sehen Sie die Konjunkturaussichten für 2012?
Alex Durrer: In unserem globalen Hauptszenario bleibt der Konjunkturmotor der Weltwirtschaft eher schlapp und reagiert höchstens zaghaft auf wirtschaftspolitische Beschleunigungsversuche, für welche ohnehin kaum mehr "Kraftstoff" bereitsteht. Im etwas weniger wahrscheinlichen Risikoszenario kommt es im Sog der ungelösten Schuldenkrisen dies- und jenseits des Atlantiks gar zum eigentlichen Doppeltaucher zurück in die Rezession. Denn die jahrzehntelang typische, fiskalpolitische Schuldenmechanik wirkt dereinst leider wie ein Turbolader im konjunkturellen Rückwärtsgang.

Welche Anlagen sind in diesem ungemütlichen Umfeld zu bevorzugen?
Nun, würde man allein einen Mix der relativ wahrscheinlichen Wirtschaftsszenarien berücksichtigen und extrapolieren, wäre man mit einer extrem defensiven Asset Allokation, also einer signifikanten Untergewichtung aller sogenannt risikoreichen Anlageklassen wie Aktien, Kredit- und Rohstoff-Anlagen, gut beraten. Doch leider gibt es auf der anderen Seite keine sicheren Anlagehäfen mehr, die man entsprechend stark übergewichten könnte: In der heutigen debitistischen Welt erscheinen nämlich viele Staatsanleihen ähnlich riskant – wenn nicht sogar noch mehr. Und da sich die Schuldenkrisen – kurzfristig vor allem jene in Euroland – bald zuzuspitzen und auf die eine oder andere Seite zu eskalieren drohen, gilt es beim taktischen Navigieren Augenmass zu bewahren. Mit Bedacht hält man sich an das oberste Gebot der Unfallverhütung mittels disziplinierter Diversifikation, namentlich nach konsequent zu Ende gedachten Extremszenarien.

Also stellt die Eurokrise das grösste Risiko dar?
Ja, derzeit ist die Eurokrise die ganz akute – obwohl auch die chronische amerikanische Schuldenkrise ungelöst bleibt. Zurzeit baut eine unheilige Allianz bestehend aus Preissignalen an den Bondmärkten und EU-Bürokratie eine Drohkulisse auf: Entweder werden sofort Eurobonds mit Solidarhaftung lanciert, oder die EZB muss im grossen Stil à la US Notenbank Fed periphere Staatsanleihen aufkaufen. Das erste Übel liefe im Endeffekt auf eine "Konvergenz zur Insolvenz" hinaus, das zweite könnte als weiterer Schritt in Richtung einer "monetären Sintflut" gedeutet werden. Nur der einzige Weg zu gutartiger Genesung, ein glaubwürdiger Plan zu nachhaltiger Haushaltssanierung, steht leider nicht ernsthaft zur Debatte.

Und wie können sich Investoren am besten schützen?
Im ersten, letztlich weltweit desaströs deflationären Extremszenario müsste man sich auf Nominalwerte, also Cash plus Anleihen der letzten immer schwieriger zu findenden solventen Schuldner stürzen. Im zweiten, ebenso fatalen Fall würde eine weitere notwendige, möglicherweise aber vielleicht noch etwas länger nicht hinreichende Voraussetzung dafür erfüllt, dass der inhärente Deflationsdruck ins inflationäre Gegenteil kippt. Dieses Szenario würde man mit Realwerten wie Gold, Immobilien, Substanzaktien sowie inflationsgeschützten Anleihen am ehesten unbeschadet überstehen. Solange der Ausgang so unberechenbar bleibt wie ein Pferderennen mit aufgescheuchten, durchgebrannten Tieren, sind beide Portfoliokomponenten zu kombinieren. Selbstredend gilt es, das "Mischverhältnis" permanent kritisch zu hinterfragen – navigieren statt prognostizieren lautet diesbezüglich unsere Devise.

Welche Währungen sind zu empfehlen?
Schon lange am brillantesten glänzt Gold – sowohl aus fundamentaler Warte als auch markttechnisch – verglichen mit jeder Papierwährung. Von den grossen Währungen favorisieren wir den japanischen Yen quasi als "Einäugigen unter Blinden": Denn angesichts der "Nipponisierung" der westlichen Geld- und Fiskalpolitik und Nivellierung von Wachstumsperspektiven gewinnen die japanischen Trümpfe wie Leistungsbilanzüberschuss und tiefe Auslandsverschuldung an Bedeutung.

Und welche meiden Sie?
Strategisch zu meiden und höchstens in kurzen Gegenbewegungen taktisch zu halten sind die "hässlichen Geschwister" US-Dollar und Euro, welche langfristig zu fundamentalen Schwachwährungen prädestiniert sind. Bis auf weiteres gilt dies – freilich "nur" aus interventionstechnischen Gründen – auch für den Schweizer Franken, der seit dem 6. September von der SNB zum "Euronuch" degradiert ist.

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