„Der Nikkei dürfte per Ende Jahr bei 18'000 Punkten stehen“

René Züger, Spezialist für Japanaktien bei AgaNola
René Züger, Spezialist für Japanaktien bei AgaNola

René Züger, Spezialist für Japanaktien bei der Anlageboutique AgaNola, attestiert dem japanischen Aktienmarkt in diesem Jahr weiteres Kurspotential von 30%. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass das neue japanische Wirtschaftsprogramm Abenomics entschieden umgesetzt wird und sich der Inselstreit mit China nicht verschärft.

13.08.2013, 08:23 Uhr

Redaktion: ras

Herr Züger, nach dem Einbruch im Mai erlitt der japanische Aktienmarkt letzte Woche erneut einen markanten Kurseinbruch. Der Nikkei Index steht per Saldo wieder auf dem Stand vom April. Ist dem Aktienindex die Puste ausgegangen?
René Züger: Das glaube ich nicht. Der Nikkei hat in diesem Jahr einen aussergewöhnlich rassigen Spurt hingelegt. Er befindet sich seit Anfang Juni lediglich in einer Verschnaufpause und bewegt sich in einem Kursband von 13'000 und 15'000 Punkten.

Signalisieren die sporadischen Gewinnmitnahmen auf breiter Front, dass sich hier zu viele Spekulanten tummeln und langfristig denkende Anleger eher fehl am Platz sind?

Nein, in der Sommerzeit neigt der japanische Aktienmarkt immer wieder zu hohen Volatilitäten. Die Marktteilnehmer bauen ihre Positionen vor den Ferien ab und danach wieder auf. In dieser Periode sind die Volumen gering und der Einfluss der Futures hoch. Derivative Produkte, die den Retailkunden angeboten werden, verstärken die Kursschwankungen noch. Ab 19. August kehren die ersten Investoren wieder an ihre Arbeitsplätze zurück und sorgen für allmählich steigende Volumen und eine Normalisierung des Marktes.

Und der Yen? Ist die japanische Währung nicht noch zu stark, um die Exportindustrie zu beflügeln?
Im historischen Kontext ist der Yen immer noch stark. Doch seit 7 bis 8 Monaten ist er deutlich schwächer geworden. Nach dem rund 30-prozentigen Abschlag ist die momentane Konsolidierung nicht erstaunlich.

Die extrem hohe Liquiditätszufuhr der japanischen Notenbank wirkt also …

Ja, ganz klar. Wir rechnen denn auch in den nächsten 8 bis 12 Monaten mit einer weiteren Abschwächung des Yen um rund 10%.

Wird das genügen, um dem Aktienmarkt neuen Elan zu verleihen?

Kaum, denn die monetäre Stimulierungspolitik zielt nicht nur darauf ab, die Währung zu schwächen, sondern auch die Wirtschaft anzukurbeln und die nunmehr zwanzigjährige Deflationsphase zu beenden. Dies ist erst zum Teil gelungen. Um die Wachstums- und Inflationsziele zu erreichen, müssen auch die geplanten strukturellen Eingriffe umgesetzt werden. Dazu gehört insbesondere die Senkung der Unternehmenssteuer. Diese dürfte die Unternehmensgewinne, die Investitionen und die Schaffung von Arbeitsplätzen markant ankurbeln. Um das zu finanzieren müssten allerdings auch die Mehrwertsteuern erhöht werden, was wiederum den Konsum belastet.

Wann ist mit der Umsetzung der strukturellen Reformen zu rechnen?

Basis dazu bildet ein tragfähiges Wirtschaftswachstum. Die soeben bekanntgegebenen Wirtschaftsdaten zum zweiten Quartal entsprachen zwar nicht den hohen Erwartungen. Dies dürfte die Diskussion um die Einführung erster struktureller Reformen zwar anheizen, aber kaum verzögern, da sich das Ende der Deflations- und der Beginn einer Wachstumsperiode deutlich abzeichnet.

Sind es vor allem die politischen Einflüsse, die den Marktverlauf bestimmen, oder finden auch die fundamentalen Faktoren bei den Anlegern Beachtung?

Die kleinen Volumen zeigen, dass die sich aufhellenden fundamentalen Faktoren noch zu wenig beachtet werden. Doch ich denke, dass sich das zunehmend ändern wird. Ein Beispiel dazu ist Toyota. Der Autokonzern verdiente im ersten Quartal beinahe sechs Milliarden US-Dollar, mehr als die Konkurrenten General Motors und VW zusammen. Mit einem erwarteten Kurs-Gewinn-Verhältnis von gut 11 sind die Aktien günstig bewertet. Ausserdem hat Toyota entsprechende Gewinnpuffer eingebaut, indem mit ungünstigen Währungskursen kalkuliert wird. Solche Tatsachen werden meiner Meinung nach noch zu wenig honoriert.

Wo sehen Sie die grössten Risiken für den japanischen Aktienmarkt?

Die strukturellen Reformen, die im Rahmen des Ankurbelungsprogramms Abenomics vorgesehenen sind, müssen entschieden und mutig angepackt werden. Solange dies nicht geschieht, ist Vorsicht angesagt. Aber auch die Inselstreitigkeiten mit China könnten zu einer Aufstockung des Militäretats und zu geopolitischen Spannungen führen. Das würden die Märkte überhaupt nicht schätzen.

Welche Segmente und Titel haben zurzeit bestes Kurspotential?

Dies sind ganz klar exportorientierte Titel wie Toyota. Nach der Übernahme des US-Mobilfunkanbieters Sprint zählt auch der Telekomriese Softbank zu den aussichtsreichen Werten Japans. Weitere Beispiele sind der Werkstoff- und Komponentenhersteller Kyocera, das Industrie- und Handelskonglomerat Mitsui & Co oder das Finanzhaus Mitsubishi UFJ Financial Group.

Welche Kriterien müssen Aktien erfüllen, um in Ihrem Portfolio aufgenommen zu werden?

Ganz zentral ist unser ausgeklügeltes quantitatives System, das zwölf vorwiegend fundamentale Kriterien durchleuchtet und die Vorauswahl macht. Es screent täglich rund 1700 Titel und evaluiert die 50 Aktien mit den besten und die 50 Titel mit den schlechtesten Aussichten. Die Endauswahl nehmen wir jedoch persönlich vor. Die Beurteilung wichtiger qualitativer Faktoren wie Managementqualität, Spezialsituationen und Aktualitäten erfordert viel Erfahrung und Fingerspitzengefühl, weshalb wir diese keinem Computer überlassen.

Ist es Ihnen mit Stockpicking gelungen, den Markt zu schlagen?

Ja, und erst noch sehr deutlich. Per Ende Juli erzielte unser Aramus (CH) Japan Fund A-Class über 52 Wochen eine Rendite von 71% und schlug damit die Benchmark, den Topix Total Return, um fast 14 Prozentpunkte.

Wie viel Kurspotential sprechen sie dem Nikkei bis Ende Jahr zu?

Der Nikkei dürfte sein derzeitiges Kursband per September nach oben durchbrechen und per Ende Jahr bei rund 18'000 Punkten stehen.

Das entspräche einem Plus von mehr als 30%! Wird das nicht zu neuen Gewinnmitnahmen verleiten?

Bei einer solch dynamischen Entwicklung sind natürlich Konsolidierungsphasen nicht auszuschliessen. Doch wenn sich die Unternehmensgewinne wie erwartet entwickeln, beträgt das Kurs-Gewinn-Verhältnis Ende Jahr gemäss unseren Analysen 13 bis 15, was durchaus angemessen ist.

Lohnt es sich bei diesen Aussichten, auf ein aktiv gemanagtes Produkt zu setzen?
Das muss jeder Anleger selbst entscheiden. Wir haben gezeigt, dass man in diesem Umfeld mit einer professionellen proaktiven Titelselektion durchaus eine markante Mehrrendite erzielen kann.

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